leer
„Nach endlosem Maultierritt durch das
gewaltige Aschefeld Llano del Jable
trafen wir im Heerlager El Pilar ein.
Ein Teil unserer jungen Wasserträger
verkraftete die enorme Höhe nicht
und musste sich jämmerlich überge-
ben. Wir verteilten unsere Ausrüstung
auf die kräftigeren Eingeborenen und
brachen zum Westhang des Pico Birigoyo auf.
Nach zwei zermür- benden Tagesmärschen erreichten wir die Baum-
grenze am Fuße des mächtigen Duraznero. Eine morsche Holzbrücke über den
Barranco de los Hombres kostete uns nochmals drei Männer, doch insgesamt
lagen die Verluste im Rahmen. Zügig erklommen wir den Kamm der
Cumbre Vieja noch vor der Dämmerung, so dass unser Geograph Alonso
Fernández de Lugo einige entscheidende Vermessungen vornehmen konnte.
Wir gönnten der erschöpften Mannschaft ein paar Stunden Ruhe bis zum
Aufstieg zum Hoyo Negro im Morgengrauen. Dieser sollte zur Zerreißprobe
der gesamten Expedition werden, denn in der Nacht hatten schwere Erdstöße
das Lager erschüttert und mehrere Soldaten wurden von Geröllmassen erschlagen. Die giftigen Schwefel-
dämpfe aus dem tiefen Schlund des Höllenkraters ließen zahllose Gefährten ohnmächtig werden. Schweren
Herzens mussten wir sie ihrem traurigen Schicksal und der letzten Salbung durch Padre Luis überlassen, denn
der Aufstieg zu den Doppelgipfeln der Deseada duldete nun keinen Aufschub mehr. Am Abend des 24. August 1491
errichteten wir das heilige Kreuz und nahmen die Insel für die Krone in Besitz.“

Don Diego de Wagnez y el Equipo del Barco


La Palma 2010 - Exkursionen in die Erdgeschichte
Der grüne Mikrokosmos
Der Bericht von 2000
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Inhalt


Argual
Cumbre Vieja
Garafia
Gipfel der Caldera
El Paso
Las Nieves
Las Tricias
Las Manchas
La Tosca
Los Tilos
Mazo
Puerto Tazacorte
Puntallana
San Andres
Santa Cruz
Tazacorte
San Antonio und Teneguia

Mein dritter Besuch auf La Palma 2010 nach 1997 und 2000 brachte einige positive, aber auch ernüchternde Erkenntnisse über langfristige Entwicklungen in vom Tourismus abhängigen Regionen zu Tage. Schon bei der Ankunft fällt als auffällige Veränderung das im Bau befindliche mehrstöckige neue Terminal am Flughafen ins Auge. Es hat nahezu die dreifache Größe des bestehenden Gebäudes und erscheint somit im Hinblick auf das eher überschaubare Inselchen deutlich überdimensioniert. Wenn man bedenkt, dass La Palma im Gegensatz zu Massendestinationen wie Gran Canaria, Teneriffa oder Fuerteventura bislang eher als ein Verfechter des sanften Tourismus galt, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Wie so oft auf den Kanaren haben hier vermutlich Lokalpolitiker üppige Fördergelder aus Brüssel in Beton gegossen, wie man leidlich an den absurd riesigen, jedoch weitgehend unbebauten Urbanisationen auf Lanzarote erkennen kann.

Zum Glück finden sich solche Auswüchse hier (noch) nicht. Hier und da entstehen neue Appartementhäuser und glücklicherweise wurde seit meinem letzten Besuch sehr viel alte Bausubstanz nicht etwa platt gemacht sondern liebevoll restauriert.

Nach Breña Alta auf der immergrünen Ostseite und Tijarafe am Westhang der Caldera fällt unsere Wahl diesmal auf eine Bungalowanlage mit Pool zwischen El Paso und Los Llanos im Aridanetal – ein Tribut an die Kinder halt, aber zugleich auch relativ zentraler Ausgangspunkt für unsere Exkursionen, die uns zunächst in den äußersten Süden führen.

San Antonio und Teneguia – Die Feuerberge

Volcán de San Antonio

Die letzten Eruptionen auf den kanarischen Inseln fanden 1971 an der Südspitze La Palmas statt. Weite Teile dieser Gegend erinnern an die Vulkanwüsten Lanzarotes: Lava in rot-braunen Eisentönen, in schwarz und anthrazit. Zwischendrin gedeiht der Wein von Fuencaliente. Gleich hinter dem Besucherzentrum, welches 1997 bei unserem letzten Besuch noch nicht existierte, erreicht man auf einem Lapillipfad den bereits über 3000 Jahre alten Volcán de San Antonio. In dem kreisrunden mustergültigen Krater wachsen inzwischen kleinere Kiefern. Im Gegensatz zu früher darf man ihn aus Sicherheitsgründen nur noch etwa bis zur Hälfte umrunden, was aber völlig ausreicht. Am Ende des Weges bietet sich ein phantastisches Panorama mit dem tief unten liegenden weitläufigen Eruptionsgebiet des Teneguia und den vorgelagerten Lavaplattformen im Meer. Diese sind, obwohl nicht älter als 340 Jahre, schon vereinzelt mit Bananenplantagen bebaut.

Volcán de Teneguia

Den weiter unten liegenden Teneguia steuern wir vorsichtshalber mit dem Wagen an und parken nach einigen Minuten Geholper über staubige Buckelpisten mitten in der Ausbruchzone, nur wenige hundert Meter vom Krater entfernt. Von hier aus geht es nur noch zu Fuß weiter, jedoch ist festes Schuhwerk dringend angeraten. Über einen immer steiler und scharfkantiger werdenden Steig klettern wir den unregelmäßigen Vulkan empor. Auf halber Höhe blicke ich in nördlicher Richtung von oben in einen kleinen kreisrunden Nebenkrater. Kaum zu glauben: Aber vor gerade einmal 39 Jahren war das hier alles ein einziges Inferno und jetzt klettern wir über ungesicherte Grate. Wahrscheinlich ist jegliche Sorge unbegründet, weil sich der Hotspot in der Zwischenzeit noch weiter nach Süden verschoben hat, so wie er es seit Jahrtausenden handhabt – die beeindruckende Kette von Vulkanen entlang der Cumbre Vieja ist das Ergebnis dieses Prozesses.

Oben auf dem Rand erreicht der Wind fast Orkanstärke und wir können uns kaum noch auf den Beinen halten. Es sind jedoch noch ungefähr 50 Meter über einen schmalen Gipfelgrat bis zu einem kleinen Plateau am Ende zu absolvieren. Der Rundumblick auf die gesamte Südspitze mit den jungen Lavaplattformen im Meer, den Bananenfeldern, Leuchttürmen und Salinen und den Nachbarinseln Gomera und Hierro am Horizont ist atemberaubend. Schnell vorbei ziehende Wolken zaubern immer neue Farbenspiele auf die unterschiedlichen Lavaformationen vor der Kulisse des majestätischen San Antonio im Norden.

Santa Cruz – Die karibische Kapitale

Durch den neuen, längeren und wesentlich tiefer gelegenen Tunnel unter der Cumbre Nueva gelangt man von El Paso deutlich schneller auf die Ostseite La Palmas, als umgekehrt durch die alte Röhre weiter oben, knapp unterhalb des Gebirgskammes, welche mittlerweile nur noch in westlicher Richtung befahren werden darf. Danach schlängelt sich die Straße in langen Serpentinen durch den Lorbeerwald, überquert bei der Streusiedlung Breña Alta die Landebahn des ehemaligen Flugplatzes und erreicht nach ca. 45 Minuten Fahrzeit Santa Cruz.

Im Gegensatz zu den unüberschaubaren, wuchernden Hauptstädten der großen Kanareninseln ist die hiesige Kapitale eine eher angenehme und nette Erscheinung, auch wenn man die wenigen Kilometer der LP1 kurz vor der Stadt in einem Anflug von Größenwahn zur Autobahn ausgebaut hat. Sie streckt sich über einige wenige parallele Straßenzüge am Meer entlang, das Geschäftszentrum ist weitgehend verkehrsberuhigt, sie glänzt durch zahllose historische Bauten und verströmt ein beinahe lateinamerikanisches Flair.

Plaza de España

Die zentrale Achse des städtischen Lebens ist die Calle O’Daly, eine vom motorisierten Verkehr befreite Einkaufsstraße, auf der man ausgiebig flanieren oder sich in einem der netten Lokale an der Placeta de Borrero niederlassen kann. Die Plaza de España bildet den historischen Mittelpunkt mit der Iglesia de El Salvador (16. Jh.), dem Rathaus (Ayuntamiento) und seinen prächtigen Bögen im Erdgeschoss, dem Denkmal Manuel Díaz Hernández und dem Brunnen. Zur Straßenseite hin bildet eine Reihe hoher Palmen den Abschluss des Platzes.

Die Plaza de San Francisco mit dem gleichnamigen Convento (16.-18. Jh.) ist im Gegensatz zur belebten Geschäftsachse ein Ort der Ruhe. Afrikanische Tulpenbäume sorgen für kräftige farbige Kontraste.

Parallel zur Calle O’Daly bildet die Avenida Marítima den Abschluss zum Meer. In Höhe der Placeta befinden sich mehrere ältere Häuser mit traditionellen kanarischen doppelstöckigen Holzbalkonen.

Museo Naval

Die langgezogene Plaza de la Alameda am nördlichen Ende der Stadt macht mit ihren ausladenden indischen Lorbeerbäumen, den Wasserspielen und dem Jugendstilpavillon mit Café in der Mitte einen mondänen Eindruck. Sie liegt über dem Niveau der umgebenden Straßen und bleibt daher völlig vom Verkehr verschont. Es ist erfreulich mit anzusehen, dass am heutigen Tag die kunstvoll gearbeitete restaurierte Eisentreppe zur oberen Etage des Pavillons angeliefert wurde.

Am Ende der Plaza thront ein scheinbar mächtiges hölzernes Segelschiff, ein Nachbau der Santa Maria von Kolumbus. Es beherbergt das Museo Naval und entpuppt sich bei näherer Betrachtung als verblüffende Holzimitation aus Beton. Innen gibt es im Untergeschoss zahlreiche Utensilien der spanischen Seefahrthistorie zu bewundern: Schiffsmodelle, alte Seekarten, Navigationsinstrumente und anderes. Über das Obergeschoss, welches den palmerischen Schiffsbauern gewidmet ist, gelangt man auf die Decks. Betrachtet gegen den Horizont über dem nahen Meer, mit all den Tagelagen und Masten, hat man tatsächlich das Gefühl, auf einem echten Entdeckerschiff zu stehen.

Los Tilos – Urzeitlicher Nebelwald

Eine der vielseitigen Wanderungen in den Lorbeerwald westlich oberhalb von San Andres y Sauces gehört zu den faszinierendsten Touren auf La Palma. Das Gebiet wurde aufgrund seiner einzigartigen Pflanzenwelt bereits 1983 zum UNESCO-Biosphärenreservat ernannt. Die reguläre Straße endet am Besucherzentrum, dem auch ein Ausflugslokal angegliedert ist. Einige hundert Meter vorher zweigt ein Wanderweg ab.

Mirador Espigón Atravesado

Wir durchqueren einen finsteren, aber hohen, vermutlich früher als Wasserkanal genutzten Tunnel in den Barranco del Agua – eine Taschenlampe ist hier durchaus angebracht. Der angenehme, schattige Forstweg ist zunächst breit, wird jedoch mit zunehmender Höhe immer schmäler und der Wald immer dichter und dunkler. Am Wegesrand türmen sich Felswände, auf denen kleine Rinnsale von Wasser beeindruckende Moosteppiche geschaffen haben. In teils natürliche Steinbecken hat sich das Wasser zu kleinen Tränken gesammelt. Mehrere spitze Kehren, teils durch uralte vermooste Bruchsteinmauern geschützt, lassen uns an Höhe gewinnen. An feuchten, vom wenigen Sonnenlicht erhellten Stellen sprießen mannshohe Farne mit riesenhaften Blättern. Nach gut einer Stunde zweigt rechts ein weiterer Weg ab und führt am Talgrund über eine morsche Holzbrücke. Der Zutritt ist aufgrund von Instandsetzungsarbeiten jedoch gesperrt. Ein paar Minuten später stehen wir weiter oberhalb an der nächsten Wegegabelung und einer Informationstafel über die heimische Vogelwelt und werden wie schon während einer Rast zuvor von frechen Buchfinken belagert.

Wir biegen links auf einen durch zahllose enge Stufen zugänglich gemachten Felssteig ab und erreichen nach wenigen Minuten die Spitze einer schmalen Felsnadel mit Wetterstation, den Mirador Espigón Atravesado. Aus schwindelerregender Höhe und nur durch ein hölzernes Geländer gesichert, bietet sich ein atemberaubender Panoramablick von fast 360° in den Barranco mit seiner wuchernden dschungelartigen Vegetation. Über unseren Köpfen kreisen Greifvögel, deren Schreie von den Wänden der Schlucht widerhallen und in den Baumwipfeln am oberen Ende der grünen Gipfelgrate hängt der Nebel – ein Fenster in eine urzeitliche Welt!

Las Tricias – Barranco de los Hippies

Ähnlich wie in La Tosca kann man im Nordwesten auf dem Gemeindegebiet von Puntagorda eine nicht minder stattliche Ansammlung gewaltiger Drachenbäume erleben. Bereits der an der Hauptstraße gelegene Ortsteil El Roque triumphiert an exponierter Stelle mit seinem windschiefen pittoresken Exemplar, welches man liebevoll mit einem Garten und alten Bruchsteinmauern umgeben hat.

Von den letzten Häusern des kleinen Weilers Las Tricias führt ein alter, aber inzwischen aufwendig restaurierter Natursteinweg hinab in Richtung Küste. Die Sonne brennt erbarmungslos, der Schweiß läuft, obwohl es nur bergab geht und wir retten uns von einem schattigen Drago zur nächsten Kanarenkiefer, immer stets erwartet von einer Meute Palma-Eidechsen, deren Köpfe gierig zwischen den Steinen hervorlugen und nach allem schnappen was sich bewegt. Nach ein paar Hundert Metern werden wir von einem stattlichen Hofhund gebremst, welcher sich mitten auf dem Weg aufgebaut hat und energisch den Durchgang gegen die von beiden Seiten herannahenden wandernden Eindringlinge verteidigt. Geduldig warten wir ab, bis die Dame des benachbarten Hauses den Burschen zurückpfeift.

8

Wir kreuzen ein paar mal die Straße und kommen schließlich an mehreren restaurierten und von Aussteigern bewohnten Bauernhäusern vorbei. Einst war dieses Tal Anziehungspunkt alternativer junger Leute aus allen Teilen Europas, die es sich in den ehemaligen Wohnhöhlen der Ureinwohner gemütlich machten. Inzwischen lebt es sich hier bequemer: Mehrere Wasserleitungen führen am Pfad entlang nach unten und beinahe jedes Gehöft verfügt über Solarzellen. Alsbald sehen wir die ersten wirklich riesenhaften Exemplare von Drachenbäumen und nach jeder Biegung werden es mehr, bis wir nur noch mit offenem Mund diese fremdartigen majestätischen Gewächse bestaunen.

Ziel ist angesichts der Hitze zunächst die Finca Aloe, ein kleines, liebevoll chaotisches Café einer deutschen und nach eigenen Angaben seit 1980 auf der Insel lebenden Auswanderin. Es gibt hausgemachten Kuchen, Fruchtcocktails aus eigenem Anbau, köstlich belegte, natürlich selbst gebackene Brote – alles aus biologischer Produktion, versteht sich. Natürlich braucht alles seine Zeit, bis es zubereitet und von der wo auch immer gelegenen Küche über verwinkelte Trampelpfade zum Freisitz gebracht ist. Aber das nimmt man angesichts der grandiosen Aussicht in das Tal und weiter bis zum Atlantik gerne in Kauf. Im kleinen Apothekerschrank hinter uns sind die selbst gefertigten natürlichen kosmetischen Präparate zum Verkauf präsentiert, die der Finca ihren Namen gaben.

Wenig später steigen wir hinab zu den Cuevas de Buracas und amüsieren uns über die am Wegrand angebrachten Schilder „Caca No“ – vermutlich ein Überbleibsel, als hier noch die Angehörigen der ersten Aussteigerwelle unter sagen wir mal hygienisch nicht optimalen Bedingungen hausten. Mit viel Mühe und Phantasie sind noch Petroglyphen der Altkanarier in den Felswänden erkennbar. Der Rückweg gestaltet sich zunächst halsbrecherisch und wir merken recht bald, dass wir beim Aufstieg auf einen Irrweg geraten sind, denn der Pfad am Hang ist durch gefährliche Erdrutsche unterbrochen. Zerstochen von Kakteen finden wir dann doch irgendwie den Weg aus dem Barranco El Corchete hinaus und schleppen uns über eine endlose Piste durch die sengende Sonne bergauf nach Las Tricias.

Gipfel der Caldera – Wanderung am Abgrund

Eine der beeindruckendsten Gebirgstouren führt über die höchsten Gipfel um die Caldera de Taburiente herum. Die Anfahrt zweigt nördlich von Santa Cruz ab und ist mit Observatorio Astrofisico Roque de los Muchachos ausgeschildert. Die Piste befindet sich in einem vergleichsweise guten Zustand – kein Wunder, denn die hunderte von Millionen teuren technischen Wunderwerke zur Himmelsbeobachtung, ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer europäischer Staaten und eines der bedeutendsten der nördlichen Hemisphäre, müssen stets gut erreichbar sein.

Nach einer zunächst kurvenreichen Fahrt durch die verschiedenen Vegetationszonen des Archipels – Lorbeerwald, Baumheide, Kiefern – stehen wir alsbald fasziniert vor ausgewaschenen Tuffsteinablagerungen in allen erdenklichen Rosttönen. Direkt an der Straße lassen sich ganze Abfolgen von Vulkanausbrüchen an den offen liegenden Schichten nachvollziehen.

Relativ schnell fährt man nun an der Außenseite der großen Caldera entlang und erreicht bald die quer durch die weitläufigen astronomischen Anlagen verlaufende Straße. Es geht vorbei an zahlreichen, scheinbar konventionellen Kuppeln von Observatorien, aber auch futuristischen Apparaten wie den zwei größten Gammastrahlenteleskopen der Welt (MAGIC) mit einzeln justierbaren Teilspiegeln, in denen sich die umgebende Landschaft auf dem Kopf stehend reflektiert.

Roque de los Muchachos

Kurz unterhalb des Roque de los Muchachos, mit 2426 Metern nach dem Teide auf Teneriffa der zweithöchste Berg der Kanaren, endet die Straße auf einem Plateau mit Parkplatz. Dieser bequeme Zugang bleibt nicht ohne Folgen, denn etliche Touristinnen in himalayatauglichen Riemensandalen stöckeln die wenigen Meter zum Gipfel hinauf und zum Teil auch noch weiter über die aufwendig neu gepflasterten Gratwege zum Mirador. An dieser Stelle stellt sich ein erhabenes Gefühl der Schwerelosigkeit über der fast zweitausend Meter tiefen Caldera ein. Je nach Wetterlage sieht man hinab bis zu den Gebirgsbächen im Nationalpark oder auf eine undurchdringliche weiße Wolkenwand im Kessel. Vor gerade einmal zehn Jahren war dies alles noch unbefestigt und wir mussten uns den majestätischen Blick hart erarbeiten.

Auf dem Rückweg machen wir Halt am Pico de la Cruz (2351m). Man muss aufpassen, dass man nicht versehentlich vorbei fährt. Nur ein unscheinbares Hinweisschild und das eine oder andere parkende Auto lassen erahnen, dass es hier hinter den schroffen Felswänden etwas zu Sehen gibt. Ein etwa zehnminütiger steiler Anstieg über losen Schotter führt hoch bis zum Kamm und man wird belohnt mit einem imposanten Panorama des Roque de los Muchachos auf der anderen Seite der Caldera und sechseckigen Basaltformationen – wie die Überreste künstlich aufgeschichteter antiker Mauern stehen sie an der steil abfallenden Innenseite des Kraters.

Las Manchas – Bodegas im Lavastrom

Die verstreute Siedlung im Südwesten erreichen wir über die Hauptstraße nach San Nicolás. Direkt am Ortseingang kann man die Bodegón Tamanca nicht verpassen. Ein tief in den Berg gegrabener bogenförmiger Stollen wurde mit Holztischen und -bänken bestückt. Unzählige Weinfässer über den Köpfen der Gäste und vulkanisches Picon-Geröll unter den Füßen, Grillspezialitäten und selbstgekelterte Weine machen dieses rustikale Etablissement zur Attraktion.

Die Straße wird weiter unten von mächtigen Lavazungen durchschnitten, welche auf Ausbrüche jüngeren Datums zurückgehen. Die nur wenige Jahrzehnte alten Ströme stammen von den San-Juan-Eruptionen (1949) und sehen noch weitgehend ‚frisch’ aus – lediglich Flechten haben sich bislang auf den scharfkantigen porösen Gesteinsmassen niedergelassen. Von der beidseitig mit Palmen umsäumten Straße aus lassen sich diese Felder mit ihren faszinierenden Erstarrungsformen erkunden.

Weiter unten, nahe der Straße am Ortseingang passt sich der runde Kuppelbau des ‚El Secadero’ exzellent in diese Landschaft ein und könnte so ohne weiteres auch auf Lanzarote stehen und wäre vermutlich von César Manrique entworfen. Das inzwischen überregional bekannte Restaurante ist auf Grillgerichte spezialisiert und überzeugt vor allen Dingen innen durch seine interessante Architektur, auch wenn sich die vermeintlichen Lavamauern als Dekor erweisen, denn die tragende Struktur ist aus Beton. Die runde Bar bildet den Mittelpunkt, wird von einem Oberlicht erhellt und ist von vier mächtigen schräg gestellten Säulen umgeben. Die hölzernen Tische gruppieren sich kreisförmig darum. Einige Nebenräume sind seitlich an den Kuppelbau angebaut.

Auch wenn wir uns nicht auf die Fleischgerichte gestürzt haben, überzeugen die gewählten Alternativen durchweg. Schon das obligatorische Brot kommt mit vorzüglicher Knoblauchbutter. Ich bestelle einen Merluza (Seehecht), natürlich gegrillt, das ist ja hier die Spezialität und nehme vorweg die Pimientos a Padròn. Das sind kleine, gegrillte Paprikaschoten in Öl, mit grobem Meersalz bestreut und auf den Kanaren beliebte Tapas, die wir auch schon auf Lanzarote in La Geria kennen gelernt haben.

Als Postres gönnen wir uns die Cuajada de limón, eine hocharomatische Zitronenmousse und Postre Especial a la casa, wohinter sich eine Variante von Tiramisu mit Mandeln, Kaffee, Bisquit und Mascarpone versteckt.

Plaza Glorieta

Eine weitere moderne Attraktion stellt die Plaza Glorieta von Luis Morera dar. Die Komposition bunter, aus Bruchstücken von Kacheln zusammengesetzten Mosaiken, Lavasteinen und heimischen Sukkulenten entstand zwischen 1993 und 96 und macht einen äußerst einladenden Eindruck auf Besucher. Auf der steinernen Bank unter einer berankten Laube neben einer Bühne lässt sich wunderbar in den Nachmittag hineinträumen. Ein Wasser spuckendes Chamäleon komplettiert die lebendige Komposition.

Mazo – Villa del Corpus

Die verstreute Siedlung im Südosten ist vor allem berühmt für ihre bombastischen Fronleichnamsprozessionen auf unendlich langen und aufwendigen Blumenteppichen. Auch der Bauernmarkt, im Laufe der Jahre zu einer echten Touristenattraktion geworden, kann sich sehen lassen: Hier bekommt man Ziegenkäse, Platanos (die hiesigen Zwergbananen), Avocados, selbstgemachte Marmeladen, Mojos und sonstige Produkte der Insel direkt vom Erzeuger. Auch der örtliche Wein „Hoyo de Mazo“ ist ein echter Geheimtipp.

Keramik

Ein weiterer Magnet ist seit vielen Jahren die Töpferei El Molino. Ramón y Vina stellen hier im Steinzeitverfahren, d.h. ohne Töpferscheibe Schicht für Schicht den Gefäßen der Altkanarier nachempfundene Keramik her. Danach erhält jedes Gefäß die charakteristischen Kerb- und Streifenmuster eingeritzt. Der dafür verwendete Ton wird auf der Insel gefördert und in einem geheim gehaltenen Verfahren veredelt, um die dunkle Farbe zu erhalten. Das Ergebnis kommt den ausgegrabenen Originalen verblüffend nahe und ist in Folge des enormen handwerklichen Aufwands nicht ganz billig. Die Anschaffung lohnt aber, denn jedes Stück ist aufgrund der Technik ein Unikat und von den Museumsstücken nur schwer zu unterscheiden.

Zur Werkstatt gehört auch ein kleines Museum mit eigenen Keramikerzeugnissen und Werkzeugen der ehemaligen Mühle. Ramón führt dort auf Wunsch einen Videofilm, auch in deutscher Sprache, vor und gibt auch sonst bereitwillig Auskunft über seine Arbeit. Sobald wir auf den Holzstühlen Platz genommen haben, kommt auch schon die weiße Perserkatze des Hauses angeschnurrt und lässt sich auf dem Schoß von Junior häuslich nieder. Am Ende der interessanten Dokumentation hinterlassen wir im Sammelglas einen kleinen Obolus zum Erhalt des Museums und bekommen obendrauf noch eine Privatführung durch die Ausstellungsstücke von Ramón.

In den Garten sollte man ebenfalls einen Blick werfen, denn dort haben sich alte Öfen, das Mühlrad und andere Details erhalten. Alles ist liebevoll bepflanzt und der Blick ins Tal über beinahe die gesamte Südostküste ist zudem traumhaft.

Puntallana – Dörfliche Idylle im Nebel

Die kleine Ortschaft oberhalb der Nordostküste wird von der Iglesia San Juan Bautista dominiert. Von dort geht es dermaßen steil durch enge Gassen hinunter in den älteren Ortsteil, dass wir uns lieber zu Fuß aufmachen. Ein winziges Gebäude am rechten Straßenrand beherbergt die Biblioteca Internacional en Lengua Alemana, die einzige deutschsprachige Bibliothek der Kanaren – wohl eine solche Attraktion, dass sogar Günter Grass es für nötig hielt, dort eine Lesung abzuhalten (entnehmen wir den ausgehängten Zeitungsausschnitten).

Iglesia San Juan Bautista

Ein paar Meter weiter in der Kurve führt ein steiler Kopfsteinpflasterweg nach oben zur Casa Luján. Das ehemalige Landhaus im traditionellen kanarischen Stil mit Innenhof wurde originalgetreu restauriert und auch wieder entsprechend eingerichtet. Im Erdgeschoss befindet sich ein Schulsaal mit Schreibpulten, alten Landkarten und Büchern sowie die Toiletten. Über eine hölzerne Außentreppe gelangt man ins Obergeschoss auf eine Galerie, welche die einzelnen Wohnräume von außen erschließt. Witzigerweise hat man diese nicht nur möbliert sondern auch mit lebensgroßen Puppen mit handgemalten Strichgesichtern ausgestattet.

Oberhalb der Casa Luján schließt sich ein weiteres Gebäude an, in dem die Asociación de Turismo Rural Isla Bonita, ein Vermittlungsbüro für ländlichen Tourismus, ihren Sitz hat. Außerdem gibt es noch eine kleine Tapas-Bar – kommt doch wie gerufen. Aufgrund des begrenzten Angebots (Tapas eben) entscheide ich mich heute mal für Muräne frittiert, einer echten kanarischen Spezialität. Was dann kommt ist jedoch leicht gewöhnungsbedürftig, wohl aber authentisch: Die Muräne scheint einfach in Stücke gehackt und frittiert worden zu sein. Jedenfalls sind alle Schuppen und Gräten noch dran und irgendwann stoße ich auch auf den kompletten Kopf. Weiterhin muss man sich die Beschaffenheit des Inneren wie bei einem Aal vorstellen: Neben einem kleinen essbaren Teil Fleisch besitzt der Fisch eine mindestens genauso dicke Fettschicht. Nach einem halbstündigen feinchirurgischen Einsatz bleibt ein relativ großer nicht essbarer Haufen zurück.

Auf dem Rückweg machen wir noch einmal Halt an der Ermita San Bartolomé. Von der Plattform vor der Kirche überblickt man den gewaltigen Barranco und mit einer der neuen Bogenbrücken der LP1 in der Ferne.

Cumbre Vieja – Ruta de los Volcánes

Diese Wanderung wird zu Recht als die Königstor auf La Palma bezeichnet. Nirgendwo sonst auf der Insel bietet sich dem Naturfreund auf engstem Raum eine solch abwechslungsreiche Folge von Landschaften und atemberaubenden Panoramen. Üblicherweise startet man im Refugio El Pilar, einem weitläufigen Freizeitgelände mit Spielplatz, Camping- und Grillgelegenheiten unter schattigen Kiefern. Von hier aus kann man theoretisch zu Fuß über den Kamm der Cumbre in etwa 6 Stunden bis nach Fuencaliente (Los Canarios) an der Südspitze wandern. Jedoch ergibt sich dann das Problem, wie man wieder zurück zum Wagen bzw. zu seiner Unterkunft kommen soll, wenn niemand zur Abholung bereit steht.

Aufgrund dieses Mankos und der Rücksicht auf unsere jüngeren Begleiter beschränken wir unser Tagesziel auf den beeindruckenden Krater des Hoyo Negro, um von dort den gleichen Weg wieder zurückgehen zu können. Wie üblich in allen National- und Naturparks der Kanaren gibt es auch hier am zentralen Ausgangspunkt ein kleines Besucherzentrum mit einigen Erläuterungen, Bildern und Modellen zu den geologischen Prozessen und der geschützten Flora und Fauna.

Wir werfen noch einen amüsierten Blick zurück auf die an diesem Tag wieder mal zahlreich erschienenen einheimischen Wochenendbesucher, wie sie mit Kind und Kegel, Oma und Onkel bereits frühzeitig die besten Grillplätze in Beschlag genommen und die Tische gedeckt haben, bevor wir uns durch den sanft ansteigenden, mit einem weichen Nadelkissen gepolsterten Weg durch den Kiefernwald begeben.

Pico Birigoyo

Nach ungefähr einer halben Stunde sind die ersten Anhöhen erreicht, der Wald wird lichter und Richtung Norden am Ende der niedrigeren Cumbre Nueva erhebt sich fast 2500 Meter hoch die majestätische Caldera de Taburiente, wenn auch die Sicht heute im Vergleich zu unserer ersten Tour vor 13 Jahren diesig ausfällt. Später folgt ein riesiges steiles Aschefeld am Hang des Pico Birigoyo mit nur noch spärlicher Vegetation. Einsame Kiefern laden zum Verschnaufen ein, bevor wir am Ende dieses Eruptionsgebietes wieder den Wald erreichen.

Ein langer breiter Forstweg führt stetig bergauf vorbei an schwarzen, mit Geröll übersäten Aschefeldern, in denen zahlreiche Besucher ihrer Phantasie freien Lauf gelassen und Spiralen und merkwürdige Botschaften aus Lavasteinen gelegt haben. Kurz nach einer Holzbrücke erblicken wir die erste Vulkanspalte jüngeren Datums. Es handelt sich um einen Nebenkrater der San-Juan-Eruption von 1949 – nach geologischen Maßstäben war das in etwa gestern.

Der Pfad wird von nun an schmäler und sehr steil. Der Aschenboden knirscht unter den Schuhen und weit und breit ist kein Schatten mehr zu sehen. Unaufhaltsam erklimme ich den Hauptkamm der Cumbre, was sich in den zunehmend starken Winden manifestiert. Von oben kann man bereits die ersten Vulkankrater in der Ferne erkennen, jedoch ist noch nichts vom Hoyo Negro zu sehen. Neugierig schleppe ich mich weiter bis zum höchsten Punkt dieses Abschnitts. Erst jetzt taucht rechts unterhalb der Kraterrand auf und was ich bereits von Weitem erkennen kann, ist wahrlich vielversprechend.

Hoyo Negro

Nachdem der Gratweg wieder etwas an Höhe verloren hat, stehe ich mitten in einer Aschewüste, welche bislang lediglich von kleinen vertrockneten Sträuchern erobert wurde. Nur wenige Schritte trennen mich vom finsteren Schlund des Vulkans und während die Sonne von oben unerbittlich brennt, dringt die Hitze des aufgeheizten Bodens durch die Schuhsohlen. Theoretisch könnte man bis an den Rand der Abbruchkante gehen, was sich jedoch nach näherem Hinsehen nicht unbedingt empfiehlt, da die porösen Schichten des Auswurfmaterials unterhalb der Kante bereits weggebrochen sind. Diese Tatsache lässt an allen Seiten des Kraters die Abfolge von Ablagerungsschichten in unterschiedlichen Grauschattierungen sehr gut erkennen. Weiter unten im Schlund deuten schwarze Verfärbungen auf ältere Lavaschichten hin. Der Hoyo Negro war als letzter Krater der sogenannten San-Juan-Eruptionsserie von 1949 durch gewaltige Gasexplosionen nach dem weiter südlich gelegenen Duraznero und dem tiefer gelegenen Llano del Banco entstanden.

Ich könnte noch Stunden lang dieses Zeugnis von Naturgewalten betrachten, jedoch lockt hinter mir auf der Ostseite der Cumbre der in nur wenigen Minuten Fußmarsch erreichbare Gipfel eines weiteren Vulkans: Der Pico Nambroque. Über einen schmalen Kamm und einige sehr rutschige Ab- und Aufstiege, vorbei an einer merkwürdigen kerzengraden Spalte mitten durch den Fels erklimme ich die felsige Spitze des bereits seit etwa 1000 Jahren erloschenen Feuerbergs. Auch wenn der Ausblick von oben dem des Hauptkammes nahe kommt, beeindrucken die mehreckigen erodierten Basaltformationen. Der Wind erreicht hier oben fast Orkanstärke und ich muss aufpassen, nicht durch einen Fehltritt umgeblasen zu werden.

Gerne würde ich noch den nur wenige Hundert Meter entfernten Duraznero erwandern, jedoch drängt die Zeit in Form der unten schon länger ungeduldig wartenden Exkursionsteilnehmer. Mit deutlich gesteigertem Tempo und dem Vorteil des Gefälles erreichen wir den Ausgangspunkt, das Refugio El Pilar, in rund eineinhalb Stunden auf dem identischen Rückmarsch.

Tazacorte – Landsitz der Bananenbarone

Steuert man die einstige Kapitale der Bananenbarone an, landet man unweigerlich auf der Avenida de la Constitución, einer halbrunden, nur einseitig bebauten Hauptstraße, welche den Ort zum Tal hin terrassenförmig abschließt. Wie von einem herrschaftlichen Balkon blicken wir in das scheinbar endlose Grün der Bananenfelder. Die kolonial anmutenden Herrenhäuser mitten in diesem Dschungel zeugen vom einstigen Reichtum, den man mit den Platanos anhäufen konnte, doch diese Zeiten sind vorbei, seit die billigen Dollarbananen den Weltmarkt überschwemmt haben. Eine Ebene höher vor der Iglesia de San Miguel scheint die Zeit still zu stehen: Ein wunderschöner, mit farbigen Kacheln dekorierter und von üppigen Bougainvillea beschatteter Laubengang lädt zum Verweilen ein. Die Szenerie mutet südamerikanisch an, wenn ältere Männer dicke Palmeros paffend in den Tag hinein dösen.

Bananenplantagen

Von der kleinen, von einem Café okkupierten Plaza nördlich der Kirche kann man durch einen Bogen hindurch direkt in das Herz einer Plantage vorstoßen – so nah kommt man den Südfrüchten sonst nirgends.

Ein Abstecher nach unten zu den restaurierten Herrenhäusern, u.a. der Casa Massieu van Dalle, zeigt, dass man inzwischen die Zeichen der Zeit erkannt hat und alles daran setzt, dieses kostbare Erbe für die Nachwelt zu erhalten. Mittlerweile befindet sich dort sogar ein Hotel im Bau. Oben an der Avenida wurden einige der schönsten alten kanarischen Häuser ebenfalls renoviert und in kräftigen Farben angestrichen. Noch vor zehn Jahren war hier vieles dem Verfall Preis gegeben.

Puerto Tazacorte – Wohnblocks und Fischerkneipen

Fährt man durch den gewaltigen Barranco de las Angustias Richtung Küste, kommt man zuerst an den unattraktiven Ortteilen des ehemaligen Fischerei- und Verladehafens vorbei: Gesichtslose Mietshäuser und staubige Parkplätze. Auch unten an der Promenade erwarten uns weitere Bausünden: Eine riesige verfallende Betonschüssel, offensichtlich vor Jahrzehnten mal als Wasserspielanlage konzipiert und dann nicht fertig gestellt, nimmt einen Großteil des Uferbereichs ein, blockiert den Zugang zum Strand und wir müssen uns einen Weg drum herum suchen. Eiligen Schrittes ziehen wir an einem fast ausschließlich von Einheimischen frequentierten Bistro mit einem lautstarken Orgel spielenden Sänger vorbei und landen im schön restaurierten Fischerviertel mit seinen inselweit gerühmten Restaurants.

Die sogenannten Kiosko waren früher einfache Bretterbuden, in denen man fangfrische Meeresfrüchte vom Grill in gewaltigen Mengen für wenig Geld bekommen konnte. Inzwischen ist alles aufwendig ausgebaut und mit Vogelvolieren, Brunnen und sonstigem Schnickschnack dekoriert. Die Portionen sind aber immer noch üppig. Auch der Strandbereich hat in den letzten Jahren sichtbare Verbesserungen erfahren: Überall gibt es Duschen, eine lange Mole, die sicheres Baden ermöglicht und eine neu gestaltete Uferpromenade. Der Zuspruch, vor allem der palmerischen Gäste, lässt in Puerto Tazacorte eine ernsthafte Konkurrenz zu Puerto Naos erwachsen.

Las Nieves – Heilige Jungfrau der Palmeros

Santuario de Nuestra Señora de las Nieves

Die Wallfahrtskirche Santuario de Nuestra Señora de las Nieves, nördlich von Santa Cruz in den Bergen gelegen, beherbergt eines der größten Heiligtümer der kanarischen Inseln: Eine Marienstatue der Jungfrau vom Schnee aus flämischem Terrakotta (14. Jh.). Seit dem 17. Jh. wird diese alle fünf Jahre in einem über einmonatigen Festzyklus, der Bajada de la Virgen de las Nieves geehrt – so auch 2010. Feierliche Prozessionen durch die Stadt, Musikaufführungen vor aufwendig errichteten Zuschauertribünen an der Promenade, Tausende von aus aller Welt herbei gereisten Exilpalmeros, ein umfassendes Merchandising und eine beinahe allgegenwärtige Plakatierung der gesamten Insel zeugen von der Bedeutung dieses Festes.

Eine sehr schattige Plaza vor dem aufwendigen Seitenportal der Kirche ist von mehreren Gebäuden umsäumt, u.a. der Casa Romero, einer ehemaligen Herberge. Ich stapfe den unebenen Kopfsteinweg steil nach oben, in der Hoffnung, einen schöneren Blick auf das Ensemble zu erhaschen. Auf halbem Weg komme ich an dreien an den Fels gelehnten alten Plumpsklos vorbei: Bei der Verrichtung dringlicher Bedürfnisse hatten die Geistlichen und Gäste des Hauses einen phantastischen Blick aufs Meer und haben bestimmt so manche ausgedehnte Sitzung abgehalten … Weiter oben auf dem zugewachsenen Hügel sieht man schließlich die Ausläufer von Santa Cruz unten an der Küste in voller Pracht.

Argual – Flohmarkt im Exil

Argual - Casa Sotomayor (2000)

Der älteste Stadtteil im sonst weitgehend sehr modernen und geschäftigen Los Llanos de Aridane verbirgt sich hinter den Bögen eines Aquäduktes und ist von der Straße nach Puerto Tazacorte nur zu erahnen. Jeden Sonntag findet auf der alten schattigen Plaza ein Flohmarkt statt, welcher sich weitgehend in der Hand deutscher Auswanderer befindet. Neben Kakteen und Sukkulenten, Trödel und allerlei Kunsthandwerk sind vor allem esoterische Utensilien zu haben. In einem der alten restaurierten Herrenhäuser aus dem 17.-18. Jahrhundert, welche die Plaza rechteckig umgeben, hat ein ebenfalls deutscher Glasbläser sein Atelier eingerichtet und führt sein Handwerk vor.

Epilog

Es ist ein sonniger Samstag im Westen La Palmas. Auf der Plaza Glorieta sitzen einige Bewohner von Las Manchas de Abajo unter den schattigen Pergolen und dösen in den Nachmittag hinein. Das leise Grummeln vom Kamm der Cumbre und die permanente Rauchwolke über dem Duraznero-Krater nimmt zu diesem Zeitpunkt niemand mehr richtig war, denn das geht schon seit Tagen so. Als auf einmal leichte Erschütterungen des Erdbodens spürbar werden, macht sich Unruhe unter den Einheimischen breit. Die älteren von ihnen wissen sofort, was Sache ist. 1949 hatte es genauso angefangen: Nach dem ersten Grollen des Vulkans am 24. Juni hatte sich ein neuer Krater geöffnet und spuckte zunächst pyroklastisches Material und Lava. Am 1. Juli folgten dann Erdstöße, die sich zu immer heftigeren Erschütterungen steigerten, bis entlang der Cumbre eine drei Kilometer lange Spalte aufriss und Teile des Bergs um mehrere Meter absackten.

Auf der Plaza befindet man sich ziemlich genau unterhalb dieser Gefahrenzone. Sollten tatsächlich wieder Teile der Westflanke oder gar die gesamte Cumbre Vieja ins Rutschen kommen und diesmal nicht nur ein paar Meter, würden wahrscheinlich innerhalb von Sekunden oder Minuten sämtliche Ortschaften im Umkreis von mehreren Kilometern betroffen sein.

Die Intensität des Bebens nimmt von einer Minute zur anderen zu. Die Menschen flüchten aus ihren Häusern, als sich erste Dachziegel lösen und auf dem Asphalt aufschlagen. Im bunten Tier- und Pflanzenmosaik auf der Plaza bilden sich feine Risse, während die Menge laut rufend auf die vermeintlich sicheren Straßen strömt. Immer wieder gehen die Blicke ängstlich in Richtung der Feuerberge.

Mit einem Mal erschüttert eine gewaltige Explosion oberhalb des weiter nördlich gelegenen Teils der Cumbre Vieja den Erdboden: Glühende Lavabrocken und Schlacke, umgeben von einer beinahe schwarzen, rasend schnell expandierenden Staubwolke schießen an der Stelle aus dem Berg, an dem sich eben noch der seit rund 6000 Jahren erloschene Kegel des Birigoyo befand. Oberhalb von Llano del Banco, der Vulkanspalte und zugleich nördlichsten Ausbruchstelle von 1949 hat sich der enorme Druck aus dem Erdinneren also ein neues Ventil gesucht und die komplette Spitze des Bergs einfach weggesprengt, während am Duraznero, dem südlichen Ende der damaligen Eruptionsserie, gleichzeitig immer noch Gase und Asche austreten. Die Wolke vergrößert sich mit rasender Geschwindigkeit nach oben und weiter unten an ihrer Wurzel suchen sich große Mengen an Staub und heißen Gasen einen anderen Weg: Wie eine gigantische Lawine rollt der pyroklastische Strom den Hang hinunter und walzt auf seinem Weg der Zerstörung alles nieder: Bäume, Sträucher, einzelne Häuser und Menschen in ihren Fahrzeugen.

Unten in Las Manchas hat das Beben mittlerweile schwere Schäden an den Gebäuden angerichtet: Breite Risse ziehen sich durch Mauerwerke und zahllose Dächer sind eingestürzt. Alle Einwohner haben ihre Häuser verlassen und suchen Schutz auf dem offenen Gelände, einem erkalteten Lavafluss von 1949. Feiner Ascheregen rieselt wie Schnee auf die Landschaft nieder. Als eine ganze Serie schwerer Erdstöße die Umgebung erschüttert, kann sich kaum noch einer der Flüchtlinge auf den Beinen halten. Einige, denen die panische Angst um ihr Leben noch nicht alle Sinne geraubt hat, starren wie gebannt auf die Flanke der Cumbre. Das Schauspiel was sich ihnen dort offenbart, lässt auch dem letzten das Blut in den Adern gefrieren: Der gesamte Bergkamm auf einer Länge von etwa fünf Kilometern scheint sich zu verflüssigen! Unter ohrenbetäubendem Getöse setzen sich Milliarden Tonnen von Fels in Bewegung und donnern ins Tal.

Der Flankenabrutsch kündigt sich nur wenige Sekunden später in schweren Wellenbewegungen der Erdoberfläche in der besiedelten Zone an, während weiter unten an der Küste die flachen Plattformen von La Bombilla, das erst vor gut sechzig Jahren aus Lava entstandene Neuland, Meter um Meter in die Tiefe rutscht, bis erste schäumende Atlantikwogen über den ummauerten Bananenplantagen hereinbrechen.

Am Strand von Puerto Naos rennen die Badegäste schreiend und ziellos durcheinander. Der Boden unter ihren Füßen scheint sich aufzulösen. In der Uferpromenade klaffen meterbreite Erdspalten, in denen bereits einzelne Menschen verschwunden sind. „Die Insel versinkt!“ schreit der Eisverkäufer mit weit aufgerissenen Augen aus einem der Balnearios.

Inzwischen bahnen sich 400 Milliarden Tonnen Fels unaufhaltsam ihren Weg in die Tiefe, bis die ersten Ausläufer der Gesteinslawine am 4000 Meter unterhalb des Meeresspiegels endenden Sockel des gewaltigen unterseeischen Gebirgsmassivs zum Stillstand kommen.

Die Verdrängung unvorstellbarer Mengen von Meerwasser durch Fels und eingeschlossene Luftmassen löst unweigerlich eine sich kreisförmig ausbreitende, nach Westen rollende Riesenwelle von hunderten Metern Höhe aus. Nach etwa einer Stunde haben erste Ausläufer des Tsunamis das marokkanische Festland erreicht und überfluten mit immer noch 60 Meter hohen Monsterwellen die Küstenregion bis weit ins Hinterland hinein. Aufgrund der kurzen Vorwarnzeit war eine groß angelegte Evakuierung der Bevölkerung nicht mehr möglich. Die Zahl der Opfer ist unüberschaubar.

Acht Stunden später wird auch die nordamerikanische Küste getroffen. Jedoch hat die dicht besiedelte Region Glück im Unglück, da die Energie des kurzwelligen Tsunamis auf den tausenden Kilometer langen Weg dorthin weitgehend verpufft ist. Die nur noch 10 Meter hohen Wellen schaffen es immerhin bis in die Straßen des südlichen Manhattans. Mancher, der die Warnungen in den Medien nicht mitbekommen hat, glaubt an eine Sturmflut und hat keine Vorstellung von der Tragödie in über 6000 Kilometern Entfernung auf der anderen Seite des Atlantiks.

Im Südwesten der Insel La Palma klafft ein gewaltiges, fast fünf Kilometer großes Loch. Die LP1 endet auf der Höhe von Los Campitos plötzlich im Nichts. Dort, wo die Ortschaften Las Manchas de Abajo, Jedey, La Bombilla und Puerto Naos einmal lagen, nagen tosende Wellen des Atlantiks an der neu geschaffenen, beinahe senkrechten Abbruchkante der Cumbre Vieja, während unter dem Meeresspiegel weiterhin unentwegt Lavamassen aus der Magmakammer hervorquellen.

So oder ähnlich könnte eines Tages die Apokalypse über La Palma herein brechen, sofern man einer sehr umstrittenen Theorie glaubt, die sogar die Verwüstung der amerikanischen Ostküste mit einschließt. Der Zeitpunkt dieses Ereignisses ist nicht vorhersehbar – es kann morgen, in 100, 1000 oder erst 10000 Jahren so weit sein. Wahrscheinlich ist es aber eher nicht, auch wenn die Instabilität der Westflanke der Cumbre Vieja unstrittig ist, seit vor einigen Jahren ein tiefer wasserführender Riss im Untergrund festgestellt wurde.


Teleskop Gecko3
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