
In den Steinbrüchen von Mühlheim-Dietesheim

Eine der eindrucksvollsten Naturlandschaften der ganzen Region, wenn nicht sogar des südlichen Hessens finden wir östlich von Frankfurt zwischen Offenbach und Hanau unterhalb der Mainlinie. Auf der Gemarkung Mühlheim-Dietesheim, hart an der Grenze zu Hanau-Steinheim befanden sich bis in die frühen 80er Jahre des letzten Jahrhunderts genutzte Basaltsteinbrüche der Abbauunternehmen 'Mitteldeutsche Hartsteinindustrie' und 'Vogelsberger Basalt'. Der Name kommt nicht von ungefähr: Bis vor 15 Millionen Jahren wurden durch den Vulkanismus im heutigen Vogelsberg mächtige Lavaschichten in Form des Steinheimer und Dietesheimer Basaltrückens abgelagert. Über Jahrhunderte wurde dieser Rohstoff im Hanauer und Mühlheimer Stadtgebiet als Baumaterial verwendet. Viele schmucke Natursteinhäuser in Dietesheim und vor allem in der Steinheimer Altstadt zeugen von dieser Epoche. Nach rund 200 Jahren intensiven Abbaus mit zuletzt 200 LKW-Ladungen täglich war das Vorkommen erschöpft. Mit der Einstellung der Förderung und dem Abschalten der Pumpen liefen die Gruben langsam mit Grundwasser voll. Es folgte der Beschluss, die öde Gras- und Felslandschaft durch die Neupflanzung von rund 120.000 Baum- und Strauchsetzlingen zu renaturieren. Zwei ursprünglich getrennte Steinbrüche wurden durch einen Durchbruch in Höhe der heutigen Canyonbrücke vereinigt und ab 1984 durch einen spektakulären Rundweg erschlossen. Vor einigen Jahren konnte man in einer Filmdokumentation des Hessischen Rundfunks Taucher bei der Erkundung eines Pumpenhauses am Grund des Vogelsberger Sees verfolgen.


Vogelsberger See (2008)
Als ich Ende 1987 dieses Naherholungsgebiet erstmals sah, waren die meisten ufernahen Bepflanzungen noch eingezäunt, um sie vor der Zerstörung zu schützen. Der Bewuchs zeigte sich im Vergleich zu heute deutlich spärlicher, wie hier auf einem Bild von 1988 zu sehen. Insbesondere die inzwischen komplett bewaldete Insel aus Abraum im Vogelsberger See war mit nur wenig Buschwerk und Gras bewachsen.
Der Badespaß – damals wie heute ohne rechtliche Grundlage – war jedoch bereits im vollen Gange. Irgendwann nahm das Vergnügen nach einem selten dämlichen Artikel der 'Bild'-Zeitung Überhand, bis zu 2000 Strandbesucher an heißen Sommertagen konnte das Schutzgebiet nicht mehr verkraften. Müllberge, illegale Grillfeiern, rücksichtslose Motorradfahrer inmitten der Schutzzone und zerstörte Anpflanzungen führten zum Beschluss, den "Badestrand" zu renaturieren, d.h. in ein Biotop mit Holzsteg umzuwandeln. Bald war auch dieser wieder verschwunden – man hatte sich wohl bei der Haltbarkeit des Materials verkalkuliert. Die zwischenzeitlich entdeckten bedrohten Gelbbauchunken und die ab 2008 aus Hanau umgesiedelten Mauereidechsen haben sich hier häuslich eingerichtet.

Ähnlich erging es der Brücke, deren tragende Teile inzwischen aus Stahl bestehen. Das hindert notorische Springer natürlich nicht daran, sich weiterhin aus 14 Metern Höhe in den See zu stürzen. Der sich unter Wasser trichterförmig verjüngende Canyon hat im Laufe der Jahre mehrere Todesopfer und Schwerverletzte gefordert. Eine Anfangs noch vorhandene Schutzhütte am südlichen Ende des Vogelsberger Sees haben einige Irre nach und nach zu Feuerholz zerlegt. Während dieser westliche Teil des Gewässerverbundes von allen Seiten einsehbar ist und zum Teil sogar begehbare Flachuferzonen aufweist, verliert sich der Oberwaldsee im Osten in einem immer enger verlaufenden Canyon. Bis vor wenigen Jahren war dieser lediglich von einigen Aussichtsplattformen einsehbar und nur ein regulärer Weg verlief hinunter zum Wasser, was zur Folge hatte, dass sich vor allem jüngere Besucher den Weg über die Umzäunung suchten, um auf einem der Felsvorsprünge zu 'chillen'. Leider wurden dabei von wenigen Unverbesserlichen auch regelmäßig verbotene Lagerfeuer entzündet. Es grenzt an ein Wunder, dass das Erholungsgebiet während der ganzen Zeit vor größeren Waldbrände verschont blieb.

Inzwischen sind die Absperrungen verschwunden und es entstand ein beinahe durchgehender Naturpfad rund um den See. Trotz der Nähe zur Abbruchkante ist dieser weitgehend gefahrlos begehbar und erfreut sich insbesondere an Wochenenden und Feiertagen größerer Beliebtheit. Vermutlich zeigen die selbst gemalten Schilder der 'Artificial Family' ihre Wirkung, denn der Weg blieb bislang erstaunlich sauber. Der örtliche alternative Kulturverein (inzwischen mit eigenem Beachclub) bemüht sich seit vielen Jahren in Form regelmäßiger Reinigungsaktionen vorbildlich um das Gelände.

Auch um die Seenplatte herum laden Wälder und Streuobstwiesen zu Entdeckungen ein. Das Gailenberg ('Kallebeersch') genannte große Acker- und Obstanbaugebiet im Süden beherbergt nicht nur Mühlheims höchste Erhebung (130 Meter), sondern auf den Flugsandflächen auch ökologisch wertvolle Magergräser, Bienenvölker und inzwischen wieder zwei kleine Weinberge. Der erste davon wurde bereits vor über 20 Jahren von der Lämmerspieler Interessengemeinschaft in Anknüpfung an die Tradition des bis zum Dreißigjährigen Krieg üblichen Lämmerspieler und Dietesheimer Weinbaus angepflanzt. Dem Umweltschutz zu Liebe werden die Wiesen in den Sommermonaten extensiv durch Schafe beweidet.


Am südwestlichen Ende führt ein Waldweg nach wenigen Metern über eine Basaltbrücke. Der Geländeeinschnitt darunter führt links zur Steinkaute ('Staakaut'), dem alten Lämmerspieler Steinbruch – früher ein beliebter Festplatz. Rechts unterhalb der historischen Brücke aus dem 18. Jahrhundert entspringt eine kleine Quelle, welche je nach Jahreszeit mal mehr mal weniger Wasser führt. Die südöstliche Ecke wird von einer (noch intakten) Schutzhütte und dem Naturdenkmal der 'Siebeneichen' markiert. In Augenhöhe verzweigt sich der rund 200 Jahre alte Baum in sieben mächtige Stämme.


Östlich davon mitten im Wald und bereits auf Steinheimer Gemarkung findet sich einer der letzten erhaltenen historischen Galgen Deutschlands: Das Steinheimer Hochgericht, wo von Anfang des 15. bis nachweislich ins 18. Jahrhundert im Namen von Kurmainz Hinrichtungen vollzogen wurden. Auch wenn Querbalken bzw. -stange nicht mehr vorhanden sind, dürften die beiden fünf Meter hohen Steinsäulen nahezu unverändert die Zeit überstanden haben.
Nach diesem schaurigen Abstecher wenden wir uns den Gewässern nördlich des Kerngebietes zu. Überregional beliebt ist der Grüne See, was wohl hauptsächlich an den idyllisch gelegenen Außenterrassen des gleichnamigen, heute deutsch-indischen Ausflugslokals und seiner wechselvollen Geschichte liegt: Hier durfte früher tatsächlich gebadet werden – offiziell bis 1960. Im 'Licht-, Luft- und Sonnenbad' gab es Stege, ein Sprungbrett, einen selbst gebauten abenteuerlichen Sprungturm und sogar ein gemauertes Nichtschwimmerbecken. Das war nicht ganz ungefährlich, denn im Schnitt ertrank jedes Jahr einer der Besucher. Nach dem Krieg gelangte die 'Blaue Grotte', eine berüchtigte, überwiegend von amerikanischen Soldaten aus Hanau genutzte Bar, zu Berühmtheit, bis sie im Winter 1956 aus bis heute ungeklärten Gründen abbrannte.

Leder- und Pelzfabrik
Thorer & Co.
Neben den genannten existieren noch zehn weitere, teilweise recht kleine Seen in der unmittelbaren Umgebung: Der Hansteinweiher, eine ehemalige Kiesgrube, der benachbarte, fast ausgetrocknete Rabenlohweiher und der nahezu unzugängliche Frankfurter See. Der Neue See ist ein in den Sommermonaten teilweise austrocknendes Refugium für Amphibien und für sein während der Laichzeit ohrenbetäubendes Froschgequake bekannt. Die Teufelskaute auf halbem Weg zwischen Oberwaldsee und Bahnstrecke ist ein weiterer ehemaliger Steinbruch, welcher heute die Anlage des Mühlheimer Schützenvereins beherbergt. Von hier führt ein ehemaliger Lorenweg unter einer bis heute existierenden Natursteinbrücke östlich der Hessischen Polizeihundeschule (Pfaffenbrunnenweg) und der Bahnstrecke hindurch zum blauen See, einer der ältesten Abbaugruben. Am Ende reicht diese Strecke sogar bis hinunter zur früheren Verladestelle am Main. Mit dem oben erwähnten Grünen See werden sechs Gewässer vom örtlichen Angelverein genutzt, der Steinbruchsee südlich des Gailenbergs vom ASV Steinheim. Röster-, Bellerborn-, Schüssler- und Betzensee befinden sich bis heute in Privatbesitz. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Röster See dämmert ein weiteres Industriedenkmal der Region dem unaufhaltsamen Verfall entgegen: Die ehemalige Dietesheimer Leder- und Pelzfabrik Thorer & Co., im Volksmund auch 'Pelzbud' genannt.

Wer sich die Mühe macht und mit offenen Augen durch das Gebiet streift, findet noch zahllose, von Gestrüpp überwucherte Relikte des Basaltabbaus. Zwischen Röster und Frankfurter See führt ein dicht bewachsener Pfad über einen früheren erhöhten Bahndamm vorbei an zwei Mauerstümpfen. Behält man auf dem anschließenden Feldweg die Richtung bis zum Waldrand bei, so lassen sich alte Lorengleise vor einem Lokschuppen auf dem Weg zum Steinbruchgelände Im Wingert, dem heutigen Betzensee, entdecken – noch 2008 war der Verlauf gut zu erkennen, inzwischen ist der größte Teil überwuchert. Auf dem gleichen Grundstück erheben sich anschließend an einem aufgeschütteten Bahndamm gemauerte Basaltsäulen, auf denen einst eine Gleisanlage zu einer Verladerampe mit Schütte für den Weitertransport auf der Straße verlief. Auf dem gesamten Gelände finden sich noch heute intakte Gebäude aus der Abbauzeit: Schmiede, Trockenkeller, Trafo- und Windenhäuser. Am südlichen Ende des Betzensees ist ein besonders langer Gleisabschnitt erhalten: Den einzigen Einblick gewährt ein Maschendrahtzaun auf der linken Seite, wenn man der beinahe kerzengeraden Schneise vom Rösterweg in Richtung Oberwaldsee folgt. Kurz darauf passiert man rechterhand eine Lichtung mit Hochsitz. Auf der linken Seite des Weges unter den Kronen von Kiefern fällt ein besonders hügeliges Gelände aufund der Eindruck, dass dies nicht natürlichen Ursprungs sein kann, täuscht nicht: Es handelt sich um ehemalige Geschützstellungen der 1945 heranrückenden US-Armee. 200 Meter weiter Richtung Osten kreuzt die Schneise den Haupterschließungsweg zum Gailenberg und geht in einen Trampelpfad über. Nach 30 Metern fällt links ein tiefes Loch auf: Ein Bombentrichter, ebenfalls aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein weiterer findet sich nur wenige Meter weiter nördlich davon.

Steinbruchsee
Ganz in der Nähe des oben erwähnten Steinbruchsees auf Hanauer Gebiet findet sich ebenfalls ein altes Trafohaus, welches aufgrund seines verwitterten Zustands auch als verwunschener Ritterturm durchgehen würde. Gleich am Eingang zum Naherholungsgebiet wurde die ehemalige Kantine in einem Basalthaus zum Vereinsheim für Gesang und Musik. Auch hier ist noch ein Abschnitt der alten Lorenstrecke erkennbar. Die stolzen Dietesheimer haben vor wenigen Jahren sowohl hier als auch am Dalles, ihrer Ortsmitte, historische Kipploren als Industriedenkmäler platziert.

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