Schon vor 11 Jahren hatte die panische Furcht vor dem berüchtigten Salzburger Sommerwetter die glorreiche Idee in uns reifen lassen, den kostbarsten aller Jahresurlaube nach der Gebirgsetappe zum Abschluss im sonnigen Italien zu krönen. Damals landeten wir in Venetien und durften in solch klangvollen Orten wie Vicenza, Soave, Padua und schlussendlich der Serenissima höchstselbst Werke unermesslicher Schönheit und Vollkommenheit bewundern. Auch heuer konnten wir unsere ehrenwerten Mitfahrer von dieser raffinierten Finte überzeugen und setzen uns nach einer ereignisreichen Woche im Tennengau in Richtung Gardasee in Bewegung.

Die Besonderheit österreichischer Autobahnarchitektur bringt es mit sich, dass nicht einfach so ein direkter Weg eingeschlagen werden kann, sondern man sich zunächst aus der Alpenrepublik auf die A10 nach Bayern begibt, verwundert den Chiemsee rechter Hand begrüßt, um dann ab Innsbruck die klassische Brennerroute über Bozen bis Trento zu blasen und dort das Etschtal schlussendlich zu verlassen. Das ist auf jeden Fall schöner als der offizielle Weg aus dem Routenplaner via Rovereto, da wir auf diese Weise das liebliche Sarcatal erleben, das auf einer Halbinsel am Lago di Toblino in märchenhafter Anmut thronende Castel passieren und den großen See bereits im Dunst der Ferne herannahen sehen. Kaum an Arco und seiner gleich einem Adlerhorst am Berg klebenden Skaligerburg vorbei, erreichen wir bei Riva del Garda das Wasser und werden auf die Gardesana Occidentale, die berühmte Kurvenstraße am Westufer, geleitet. Durch zahllose atemberaubende Tunnel- und Galeriebauwerke, welche immer wieder magische Ausblicke gewähren, gelangen wir bald nach

Limone sul Garda

Limonaia del Castèl - restaurierter Zitronengarten mit Museum … unserem diesjährigen Wohnort, welcher als eine der Perlen am sowieso schon von zahllosen Kostbarkeiten umgebenen Gardasee beschrieben wird. Auf den alten idyllischen Ortskern am nördlichen Hang trifft das auch zu: Über enge pittoreske Gässchen mit vielen kleinen Läden, Bars und Trattorien gelangt man zum winzigen Porto Vecchio. An den Hausfassaden ranken üppige Bougainvilleen empor und alsbald stehen wir vor der wunderschön restaurierten Limonaia del Castel. Ab 1997 wurde diese als eines der ersten traditionellen Zitrusgewächshäuser wieder instand gesetzt und mit allen erdenklichen Arten bepflanzt: Orangen, Pomeranzen, Mandarinen, Zitronen, Kumquats, Bergamotten und viele andere gedeihen in teils ungewöhnlichen Formen auf den durch steinerne Treppen verbundenen Terrassen. In der Mitte der liebevoll gepflegten Gartenanlage hat man in einem mehrstöckigen, der Hanglage angepassten Gebäude ein kleines Museum eingerichtet. Neben den detaillierten Herkunfts- und Verwendungsbeschreibungen der exotischen Früchte erfahren wir einiges über die mühsame Pflege der Zitruspflanzen: Auch wenn der Wasserreichtum rund um den See den Anbau enorm begünstigte, machte die geographische Lage – zur damaligen Zeit das nördlichste Anbaugebiet in Europa – umfangreiche Schutzmaßnahmen gegen den Winterfrost erforderlich. Die komplette Anlage wurde noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts aufwendig mit Brettern und Fenstern verschalt und bei Bedarf sogar künstlich beheizt.

 Der Spaziergang weiter Richtung Norden endet unweigerlich auf der Via Nova, welche sich an der hohen Mauer einer verschlossenen Limonaie entlang schlängelt. Kurz danach passieren wir das Ristorante Al Rio, von dessen Terrasse man einen schönen Blick auf den Hanggarten mit idyllischem Bachlauf und die Weite des Sees geniest. Der Weg scheint danach kein Ende zu nehmen: Während die Via Novo weiter oben in die Gardesana mündet, laufen wir auf dem nun reinen Fußweg mit seinen idyllischen Ausblicken auf Privatgärten und Bootsanleger weiter und erreichen bald die Baustelle des neuen Luxushotels ‚EALA‘. An dieser Stelle stand bis vor kurzem noch das mondäne ‚Panorama‘. Ab hier ist der Ciclopedonale Limone ausgeschildert: Ein Teilabschnitt eines geplanten spektakulären Radweges rund um den Gardasee, welcher direkt an den Steilhängen über dem Wasser errichtet wird.

In südlicher Richtung gibt sich Limone zunehmend touristischer: Vom malerischen Porto Vecchio im alten Ortskern führen Bogengänge Richtung Porto Nuovo mit seiner überdimensionierten und beflaggten, aber ansonsten gesichtslosen Uferpromenade. Immerhin wurde das neue Parkhaus geschickt in den Hang integriert und mit einer begrünten Außenfassade versehen.

Oberhalb der Gardesana beginnt das moderne, in die alten Olivenhaine hinein gebaute Hotelviertel. Unser Domizil, das Garda Bellevue, liegt noch knapp unterhalb der Straße in einem älteren Gebäudekomplex, welcher mittlerweile gründlich modernisiert wurde. Die dunkle Lobby, die nur mäßig kühlende Klimaanlage und einige alte Türrahmen bewahren noch ein wenig das Flair der 70er Jahre. Das Untergeschoss Richtung Straße führt in den Supermarket Horstmann, welcher auf die Eigentümer einer ganzen Gruppe von Hotels in diesem Viertel verweist. Man findet sich im mit Abstand größten und unübersichtlichsten Gemischtwarenladen Limones wieder: Lebensmittel, Souvenirs, Kleidung und Lederwaren aller Art mit teilweise nicht nachvollziehbarer Preisgestaltung finden sich hier in einem seit vermutlich 40 Jahren unveränderten Ambiente. Immerhin ist das regionale Weinangebot recht umfangreich und nach meinem Geschmack akzeptabel.

Spiaggia Cola Unterhalb des Hotelviertels gelangt man über eine hauseigene Liegewiese zum öffentlichen Strand Spiaggia Cola. Hier ist nicht nur alles sehr sauber und gepflegt, sondern es besteht neben einer brachialen Strafandrohung für hinterlassene Hundehaufen auch ein generelles Rauchverbot – wenn ich an die sonst übliche Unsitte der überall zu tausenden im Sand verscharrten Kippen denke, kann ich nur sagen: Großartig, endlich! Allerdings gibt es hier nur die am Gardasee üblichen Kieselsteine. Wem es darauf irgendwann zu hart wird, der begibt sich wenige Meter weiter in die ‚Gimmy‘ Strandbar und geniest Bruschetti, Pizza, Pasta, Aperol und kühles Bier.

Hier, an einer der schmalsten Stellen des Sees, befindet sich das gegenüberliegende

Malcésine

immer in Sichtweite. Bei unserer Gardaersterkundung 2011 schlenderten wir noch durch die dortigen Gassen und bestiegen die Skaligerburg. Heute nehmen wir auch den legendären im 1. Weltkrieg unter schweren Verlusten zwischen Österreich-Ungarn und Italien umkämpften Monte Baldo ins Visier. Von beiden Seiten – aus dem Etschtal oder genau genommen dem Vallagarina und vom See – stets ehrfürchtig bestaunt war uns dieser 30 Kilometer lange Bergzug damals zu viel für eine Tagestour. Dabei machen es einem die geschäftstüchtigen Bootsticketverkäufer am Hafen von Limone denkbar einfach: Neben der Überfahrt nach Malcésine (9 €) haben sie die Seilbahn für stolze 22 € je Erwachsenen gleich mit im Angebot. Man erspart sich somit die Wartezeit in der Kassenschlange an der Talstation.

Limone sul Garda - Seeansicht von Bord der Fähre nach Malcesine Die Perspektiven von einem Schiff in der Mitte des Sees unterscheiden sich grundlegend von allen anderen: Die Altstadt von Limone drängelt sich auf einem geradezu winzigen Uferstreifen vor den dahinter sich auftürmenden Felsmassen des Monte Carone. Auch die ganze volle Pracht des Castello Scaligero von Malcésine erschließt sich erst vom Wasser aus. Übrigens ist dies ebenso der Weg, den damals am 14. September 1786 unser Herr Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe nahm, bevor er später an Land der Spionage bezichtigt und festgenommen wurde.

Vor der Bergfahrt steht uns allerdings noch ein 20-minütiger Fußmarsch von der Anlegestelle ganz im Süden bis zur Talstation bevor. Passend an dieser Stelle sei noch mal auf den Bericht von 2011 verwiesen:

Vom lebhaften neuen Hafen aus werden wir sogleich in das Gewirr der völlig verwinkelten Altstadt aufgesogen. In kaum zwei Meter breiten Gassen haben winzige Trattorien ihre Stühle aufs holprige Kopfsteinpflaster gestellt. Wir lassen uns jedoch weiter treiben und bleiben schließlich kurz vor dem ersten Ziel an einer steinernen Tafel stehen: „Hinc J.W.Goethe Id. Sept. MDCCLXXXVI arcem delineavit“ was so viel heißt wie „der Gute hat von hier aus die Burg gemalt und wurde dabei ertappt“.

Castello Scaligero Zum Glück dürfen wir heutzutage so viele Bilder machen, wie wir wollen, denn das Kastell ist ein echtes Schmuckstück. Von malerischen ineinander verschachtelten Innenhöfen eröffnen sich immer wieder traumhafte Aussichten über ein Wirrwarr von Schwalbenschwanzzinnen auf die Altstadt von Malcésine und den See. Zu Ehren des berühmten Besuchers hat man sogar ein kleines Goethe-Museum mit einer Bronzebüste davor sowie Handschriften und Skizzen eingerichtet.

Porto Vecchio Auf dem Rückweg durch die Altstadt biege ich in die enge Via Porto Vecchio ab und lande schließlich an der gleichnamigen alten Anlegestelle, welche inzwischen mit lustigen Tierskulpturen zu einem idyllischen Treffpunkt hergerichtet wurde. Die verwinkelte Gasse führt zurück auf die Via Capitanato von wo aus es uns rechter Hand mit einem Eis bewaffnet durch den Palazzo dei Capitani auf die zugehörige ruhige Terrasse am See verschlägt – in der Tat ein Ort zum Durchatmen.

Monte Baldo

Eine Schlange ins Nichts

Funivia Malcesine Monte Baldo An der Talstation dauert es dann doch fast eine Stunde bis zum Drehkreuz, da nur eine Gondel im 15-Minutentakt in jede Richtung verkehrt – Hauptsaison, das lässt sich nicht verleugnen. Immerhin passen da 60 Personen einschließlich einiger junger Gleitschirmenthusiasten mit gewaltigen Rucksäcken hinein. Nachdem wir endlich einsteigen dürfen, zieht es uns sogleich im atemberaubenden Tempo nach oben, während sich die Kabine wie von Geisterhand einmal um die eigene Achse dreht. Nach etwa 10 Minuten ist die Mittelstation erreicht, womit der Umstieg in die nächste Gondel bevorsteht. Der letzte Abschnitt bis zur Bergstation entpuppt sich nun als extrem steil und bereits unterwegs deutet sich das ausladende Panorama des fast 60 Kilometer langen Sees vor der alpinen Gebirgskulisse an. Oben bleiben wir zunächst in einem modernen, durch Glasscheiben geschützten Bistrobereich Namens ‚Skywalk‘ hängen – auf diese majestätische Aussicht erstmal einen starken Espresso! Etwas nach hinten versetzt haben die cleveren Betreiber eine ganze Batterie an bequemen Liegestühlen mit einladenden Tischchen positioniert. Aber eigentlich sind wir ja zum Wandern und Beobachten hier hoch gekommen. Die Zeit ist beschränkt, die letzte Talfahrt startet zwar erst um 19.00 Uhr, aber unser Schiff will bereits um 17.30 Uhr zurück nach Limone. Nach genauer Kalkulation ergibt sich 16.45 Uhr als absolute Deadline.

Gleitschirmstart am Monte Baldo - im Hintergrund Monte Altissimo di Nago Der Weg über den Gipfelgrat in Richtung Monte Altissimo (2078 m) wird nicht nur von einer atemberaubenden Aussicht begleitet, er ist zudem auch für Fußlahme konzipiert: Links und rechts erstrecken sich Almwiesen über gemächlich abfallendem Gelände. Darauf haben sich einige der Paraglider aus der Gondel in Position gebracht und breiten gerade ihre Schirme aus. Letzte Instruktionen ergehen an die Tandemflieger, aber kurz vor dem Absprung packen sie wieder ein: Der Wind hat sich gedreht und nun schweben sie leider nicht hinunter Richtung See, sondern verschwinden von der östlichen Seite des Berges erstmal in den Wolken. Der gemeinsame Landeplatz liegt dann allerdings zwei Kilometer nördlich von Malcésine auf einer aufgeschütteten Wiese direkt am Ufer.

Gardasee - Val di Sogno, Malcesine, Montecastello, Limone sul Garda, Riva del Garda Einzelne vielversprechende Vorsprünge am Hang lassen sich ohne größere Mühe erreichen. Hier und da haben sich Besucher zu einem Picknick niedergelassen und blicken ehrfurchtsvoll ins Tal. Das Ende des Gratweges, der Punta Panoramico, ist mal wieder umlagert von penetranten Selfie-Touristen. Geht man jedoch links hinunter am Weidezaun entlang, ist bald der Punkt erreicht, an dem sich der Gardasee nahezu komplett überschauen lässt – ungestört von unentwegt schnatternden Familien. Auf der rechten Seite geht es ebenso nach unten bis zu einem einsamen Felsvorsprung über steilem Abgrund – Nervenkitzel pur! Der Pfad führt im weiteren Verlauf zum Sentiero del Ventrar, einem alpinen Wanderweg für Anspruchsvolle mit Schwindel erregenden Abschnitten. Dazu ist heute leider keine Zeit, denn die für unsere Rückfahrt letztmögliche Talfahrt naht.

Arco

Seit unserem letzten Besuch hat sich am Erscheinungsbild des Städtchens am Unterlauf der Sarca nur wenig geändert. Daher sei hier nochmal der Bericht von 2011 wiedergegeben. An Riva vorbei und einige Kilometer landeinwärts, mitten im Sarcatal, dem einst durch den eiszeitlichen Etschgletscher geformten Zugang zum Gardasee, liegt das Mekka der Extremsportler. Rund um die Renaissancekirche Collegiata dell’Assunta befinden sich mehrere herrschaftliche Bauten, u.a. der Palazzo Marchetti aus dem 16. Jahrhundert mit seinem weit auskragenden Dach und den pittoresken Schornsteinen. In Arco rasen Mountainbiker wie die Irren durch die Fußgängerzone und in zahllosen Läden kann man sündhaft teures Equipment aus fremdartigen Metallen in rätselhaften Formen und bunten Farben zur Ersteigung senkrechter Felswände erstehen.

Piazza Carlo Marchetti - im Hintergrund Rocca (Castello) di Arco Wir bleiben aber lieber bei den traditionellen Fortbewegungsmethoden und erklimmen zu Fuß den Burgberg mit der berühmten Rocca, der regelrecht am Felsen klebenden Skaligerfestung, welche schon Albrecht Dürer um 1495 so faszinierte, dass er sie in einer berühmten Zeichnung festhielt, noch bevor die Franzosen gut zweihundert Jahre später ihr Zerstörungswerk beginnen konnten.

Arco - im Hintergrund Monte Brione Der steile, aber einfache befestigte Weg führt durch idyllische Olivenhaine, begleitet von Kräuterdüften und Zikadengezirpe. Immer wieder eröffnen sich fantastische Ausblicke auf die von der wuchtigen, im weißen Kalkstein erstrahlenden Collegiata dell’Assunta dominierten Stadt zu Füßen des Berges und den wie ein gewaltiger eiszeitlicher Findling im Dunst des Gardasees verlorenen Monte Brione.

Monte Colodri Gleich nach dem Eingang zum Castello passieren wir den Hauptturm, von dem nach der Sprengung durch General Vendôme 1703 nur drei Außenmauern übrig geblieben sind. Von hier aus steigt das Gelände innerhalb der Burganlage immer weiter Richtung Nordosten an. Zahllose Rastplätze bieten atemberaubende Panoramen des Sarcatals, bevor wir mit dem Torre Renghera die höchste Stelle der Festung erreicht haben. Links davon steigen wir wieder hinab zum Torre di Làghel und erblicken kurz davor vom Rand der Burgmauer die terrassierten Hänge des Monte Colodri, einem markanten Felsen mit unzähligen Klettersteigen. Mitten in den Weinfeldern hat der Eigentümer ein herrschaftliches Anwesen in moderner Flachbauweise errichtet – selbstverständlich mit Blick zum Gardasee.

Durch einen kleinen Steineichenwald geht es wieder hinab zum Ausgangspunkt, der großen Wiese vor dem Haupteingang, wo man freundlicherweise eine Bar eingerichtet hat und wir uns im weichen Gras die geschundenen Füße vertreten können. Innerhalb der Burg existiert sogar eine moderne, heute leider geschlossene Osteria.

Gargnano

Bis auf einige wenige Ergänzungen gelten auch hier nach wie vor unsere Beobachtungen von 2011. Rund 18 Kilometer entlang der Gardesana Occidentale sind es von Limone bis ins malerische Gargnano, einer langgezogenen Ortschaft am See. Neben der einzigen Hauptstraße, welche in beide Richtungen vom kleinen viereckigen Hafen abzweigt und an der sich leuchtende Bougainvilleen die Häuserwände hinaufranken, lebt das Städtchen im Wesentlichen von seiner traumhaften Uferkulisse. Ein neuer, vor den alten bis ans Wasser gebauten Häusern verlaufender Holzsteg beherbergt die Terrasse der Pizzeria Al Lago – einen erhabeneren Ort für ein Mittagessen kann man sich kaum vorstellen: Unter uns schwimmen Fische und Enten, über uns prunkt mondän der schmiedeeiserne Balkon des zugehörigen Hotels Riviera. Daneben plätschert der See gegen alte, von grünen Algen überzogene Bruchsteinmauern früherer Fischerhäuser. Wenige Schritte weiter endet der Steg am von Orangenbäumchen umsäumten Porto.

Porto di Villa Der weiter südlich gelegene Ortsteil Villa hat ebenfalls einen Hafen: Noch kleiner und beschaulicher und auch hier leuchten die Apfelsinen in greifbarer Höhe. Unglaublicherweise ergattern wir diesmal einen Parkplatz direkt am Wasser und betreten nach wenigen Schritten das einzige Lokal. In die Bar al Porto geht man zum Bestellen nach wie vor am besten gleich rein an den Tresen. Die Bestellung kommt trotzdem zügig und wir genießen das Fehlen jeglichen Touristenrummels. So ruhig ist es hier, dass selbst die Mole des kleinen Hafens Kinder und Jugendliche bis in die Abendstunden zum Baden animiert.

Der Fußweg in das am südlichen Ende Gargnanos liegende Bogliaco lohnt allein schon wegen der grandiosen Villa Bettoni-Cazzago, auch wenn wir Kopf und Kragen riskieren, als wir irgendwann zwangsläufig auf die stark befahrene Gardesana gelangen, welche das herrschaftliche Gebäude aus dem 18. Jahrhundert und die zugehörige italienische Gartenanlage des Amerigo Vincenzo brutal durchschneidet. Der Uferbereich vor der Seeseite des Palazzo gehört zum Privatbesitz und kann nicht betreten werden, jedoch lässt sich auch von der Seite die prachtvolle und repräsentative Strenge des Anwesens erfassen.

Sirmione

Ort des Wahnsinns

Castello Scaligero - Blickrichtung Süden vom Torre di Mastino Wohl kaum ein anderer Ort am ganzen Gardasee übt eine auch nur ansatzweise ähnlich hohe Anziehungskraft auf Pauschalreisende aus wie die legendäre Halbinsel Sirmione. Das zugegebenermaßen sehenswerte Castello am Eingang allein kann es nicht sein. Vielleicht sieht ja der eine oder andere die Herausforderung bereits in der nahezu irrwitzigen Anfahrt von einem der beiden langen Ufer des Sees. Nach der Passage von 167 größtenteils sinnfreien Kreisverkehren – einem internen Wettbewerb der Anrainergemeinden zu Folge führt derzeit Salò mit 28 – glaubt sich der gestresste Autofahrer mit dem Erreichen des Ortschildes am Ziel. Da hat er sich aber gewaltig getäuscht, denn die schmale Halbinsel ragt stolze 3,5 Kilometer weit in den See hinein. Davon müssen 2,5 bis zum Stadttor über Poller und (natürlich) Kreisverkehre zurückgelegt werden, bevor man entnervt feststellt, dass wirklich alle Parkplätze belegt sind und selbst die im beschränkten Bereich frei werdenden vom unerbittlichen Wächter in einem Zustand aus Willkür und Machtmissbrauch verteidigt werden. Kurz vor der Kapitulation ergibt sich dann doch noch eine letzte Chance, denn der Parkplatzdiktator weilt in der Mittagspause. Immerhin: Der bereits vor acht Jahren gültige Preis von 2,20 €/Stunde ist stabil geblieben.

Bereits auf der Höhe der imposanten und behutsam rekonstruierten Skaligerburg bricht ein unbeschreiblicher Massenauftrieb los. Die engen Gassen des winzigen Städtchens sind für die in Kreuzfahrerstärke auflaufenden Menschenmassen aus aller Herren Länder schlicht und einfach nicht geschaffen. Also erstmal Mittagspause im nächsten Lokal, dem L'Accanto. Die Pizza ist hervorragend, dazu gibt es Biolimonade und das alles zu zivilen Preisen – wer hätte das gedacht in so einer extrem überlaufenen Gegend. Wir überlegen lange, ob wir uns anschließend wirklich durch den Ort schieben lassen wollen.

Einen Ausweg aus dem Dilemma bietet der idyllische Panoramaweg, der am Ostufer der Halbinsel entlang bis zu den Grotten des Catull, der Landspitze mit einem weitläufigen archäologischen Gelände, führt. Die Kinder von EU-Bürgern haben hier freien Eintritt – das nenne ich doch mal konzertierte europäische Bildungspolitik!

'Jamaica Beach' - nördliche Inselspitze Der Weg führt zunächst durch ein modernes Museum mit Keramikfunden und rekonstruierten Fresken, danach durch einen idyllischen Olivenhain, unter dem sich, wie sich dann heraus stellt, mindestens zwei Ebenen des monumentalen Unterbaus eines Sanatoriums und Thermalbads aus dem 2. Jahrhundert verbergen. Auch wenn von der eigentlichen Villa kaum etwas zu sehen ist – einige Pfeiler und einen Aquädukt hat man wieder aufgestellt – sind die riesigen intakten Bögen und Gewölbe mit ihren pittoresken Durchbrüchen zum smaragdgrünen Wasser des Sees schwer beeindruckend. Knapp unter der Wasseroberfläche ist der Verlauf des von zahllosen Rissen durchsetzten Felsplateaus gut zu erkennen. Leider stört das permanente Getöse der um die Halbinsel herumdüsenden geschätzten zehntausend Motorjachten die ansonsten nahezu perfekte Szenerie. Direkt oberhalb des etwas hochtrabend Jamaica Beach genannten Uferabschnitts hat unter den schattigen Bäumen eine gleichnamige Freiluftbar geöffnet.

Auf dem Rückweg nehmen wir die in der Mitte verlaufende Straße und kommen am ehemaligen Wohnhaus von Maria Callas, der wahrscheinlich berühmtesten Bürgerin Sirmiones in der Neuzeit vorbei. Die gegenüber liegende Parkanlage hat man dann konsequenterweise gleich nach der Operndiva benannt.

Castello Scaligero (13.Jh.) Eine weitere Pflichtübung ist die Ersteigung der Skaligerburg aus dem 13. Jahrhundert, auf die man nur über eine Zugbrücke gelangt und welche im Mittelalter den Zugang nach Sirmione kontrollierte. Vom Mastino, dem großen Turm, überschauen wir die perfekt befestigte Anlage mit eigenem Hafen, das unglaublich beengte Städtchen und die gesamte Halbinsel.


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