Frankfurts ewige Notlösungen Blicken wir heutzutage von der Aussichtsplattform des Doms auf die Neue Altstadt, so erfreut seit 2018 ein kleinteiliges Gewirr neu gedeckter Schieferdächer unser Auge. Leider bildet dieses winzige Areal nur eine Ausnahme im öden Einerlei von Flach- und nur schwach geneigten Einheitsdächern der Nachkriegswohnblöcke im weiten Umkreis. Die einst beachtlich harmonische Dachlandschaft in der Frankfurter Innenstadt wurde bekanntlich ein Opfer der alliierten Bombardements. Nach dem Krieg hat man die fehlenden Abschlüsse auf den noch stehenden repräsentativen Gebäuden größtenteils provisorisch instandgesetzt – in einer Zeit der totalen Zerstörung und des Mangels durchaus verständlich, aber auf Dauer gesehen unbefriedigend. Bis in die heutige Zeit sind allerdings nur wenige dieser Notdächer wieder in den Urzustand zurückversetzt worden – zum Teil aus Kostengründen, aber in erheblichem Maß vor allem in Folge politischen und ideologischen Widerstands.
Einer der bekanntesten Fälle ist der Turmstumpf des ‚Langen Franz‘, der einst prächtigen Landmarke des Frankfurter Römers. Sein schmuckvoller Aufbau im gotischen Stil mit Erkern, Zwerchhäusern, steilem Walmdach und Dachreiter wurde bis 1904 als Reminiszenz an den mittelalterlichen Turm der ‚Alten Brücke‘ erbaut, machte ihn zum höchsten Profanbau der damaligen Stadt und ist seit dem 22. März 1944 verschwunden. Über die Jahrzehnte hinweg gab es immer mal wieder Ansätze, dieses dringend notwendige Stück Reparatur am Frankfurter Rathaus zusammen mit dem weiter südlich gelegenen Nachbau des Salmensteinschen Hauses, umgangssprachlich ‚Kleiner Cohn‘ genannt, endlich in Angriff zu nehmen. Alle verliefen in der Regel offiziell aus Kostengründen im Sand, während es in Wahrheit schlicht und einfach kein Interesse gab, aus ästhetischen Gründen Bauten aus der Vorkriegszeit wieder aufleben zu lassen. Eine der wenigen Ausnahmen war die von abfälligem Spott der Architektenschaft begleitete Rekonstruktion der Römerberg-Ostzeile in den frühen 80er Jahren und erst mit der Wiederherstellung der Altstadt bis 2018 kippte das Stimmungsbild.
Einer Spendeninitiative des Brückenbauvereins ist es zu verdanken, dass dieses so bedeutsame Kleinod der Frankfurter Altstadt nun endlich nach 82 Jahren wieder in den Urzustand zurückversetzt wird. Und doch zeigte sich auch in diesem aktuellen Fall, wie heftig der Widerstand von einer kleinen, aber resistenten Bevölkerungsgruppe und der sie manipulierenden selbst ernannten Architektenelite sein kann, wenn es um die Verschönerung und Wiederherstellung nachweislich bedeutsamer historischer Bausubstanz geht. Es werden stets die gleichen Argumente vorgebracht: Zu teuer, rückwärtsgewandt, dekorativer Kitsch, braucht niemand. Obwohl in diesem Fall die Kosten zu einem Großteil aus Spenden gedeckt sind, ist der ideologisch motivierte Sturm der Entrüstung durchaus vergleichbar mit der Diskussion um die Teilrekonstruktion der Neuen Altstadt. Eine kleine Minderheit hält Ausgaben für Verschönerungen an historischen Gebäuden generell für überflüssig und glaubt, dass Mittel aus dem städtischen Haushalt am besten ausschließlich für soziale Zwecke auszugeben sind. Diese zutiefst undemokratische Auffassung untergräbt, dass Verbesserungen im architektonischen Stadtbild einer breiten Bevölkerungsmehrheit, sprich Wählern und Steuerzahlern, zu Gute kommen. Im besagten Fall wurde das Kostenargument weitgehend entkräftet: Den Baukosten von damals rund 200 Mio. € standen Einnahmen aus Verkäufen von 100 Mio. €, die Aktivierung z.B. des Stadthauses als städtisches Immobilienvermögen und eine nachweislich erhebliche touristische Aufwertung der Altstadt gegenüber.
In unmittelbarer Nachbarschaft zum ‚Langen Franz‘ zeigt ein exemplarisches Beispiel, wie das Festklammern an Provisorien sich zu einer nicht enden wollenden Posse entwickeln kann: Den sogenannten Nordbau des Rathauses von 1908 ziert ein würfelförmiger Dachaufsatz, welcher 2013 sogar noch still und leise mit Millionenaufwand saniert wurde, anstatt die Rekonstruktion des einst prächtigen Originals mit seinen Ecktürmen, Giebeln und Gauben zumindest öffentlich zur Diskussion zu stellen. Wer heute diesen geschmacklosen und entwürdigenden Abschluss des historisierenden Gebäudes über dem Paulsplatz erblickt, kann es nicht glauben, dass in all den Jahrzehnten des enormen wirtschaftlichen Aufschwungs in der Stadt nie die Gelegenheit ergriffen wurde, diesen Schandfleck in zentraler Lage im ansonsten gut gepflegten Rathauskomplex zu beseitigen.
Mittlerweile tut sich aber was: In das Gebäude der jetzigen Kämmerei soll das zukünftige ‚Haus der Demokratie‘ als Ergänzung zur bestehenden Ausstellung zur Demokratiegeschichte und der Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche einziehen. Zu diesem Zweck hat die Stadt einen Ideenwettbewerb mit Bürgerbeteiligung gestartet, dessen Ergebnis noch dokumentiert wird. Einige wenige der vorgestellten Entwürfe zeigen tatsächlich eine Orientierung am ursprünglichen Erscheinungsbild oder zumindest einen respektvollen Umgang mit der historischen Bausubstanz, während viele mit teils überladenen futuristischen Dachentwürfen eher an die Gestaltung aktueller Hochhausprojekte der Skyline anknüpfen. Der Realisierungswettbewerb steht noch aus und es bleibt abzuwarten, inwieweit der Bürgerwille tatsächlich Einfluss auf das Projekt haben wird.
Die altehrwürdige Paulskirche in unmittelbarer Nachbarschaft, von 1848 bis 1849 Tagungsort der Frankfurter Nationalversammlung und somit Keimzelle der deutschen Demokratie, schaut eigentlich mit ihrem heutigen von grüner Patina gezeichneten Dach ganz passabel aus. Nur wenige wissen, dass das ursprüngliche, viel imposantere Kegeldach nach der Kriegszerstörung nicht wieder aufgebaut wurde. In Folge von Material- und Geldmangel wurden die verlorenen Innenräume und das Dach 1947-48 nur notdürftig wieder Instand gesetzt.
Bis heute ist das Gebäude von dieser Schlichtheit gezeichnet, womit ihm sogar eine erhebliche Bedeutung als Baudenkmal der deutschen Nachkriegsmoderne und Symbol des demokratischen Neubeginns Deutschlands zugestanden wird. In der ab 2017 erbittert geführten Diskussion um die notwendige Sanierung und eventuelle Rekonstruktionen wurde insbesondere der nicht mehr erlebbare Parlamentsraum von 1848 kritisiert. Schließlich einigte sich die Frankfurter Ratskoalition im November 2019 darauf, den biederen Zustand so zu belassen und stattdessen das ‚Haus der Demokratie‘ (s.o.) als Ergänzung zur bestehenden Ausstellung zu errichten.
Wenn wir die Innenstadt verlassen und nach repräsentativen Gebäudekomplexen im näheren Umfeld suchen, stoßen wir unweigerlich auf die Senckenberg Gesellschaft an der gleichnamigen Anlage. Was dort im Rahmen eines Erweiterungsprojektes zwischen 2014 und 2018 angerichtet wurde, macht einen fassungslos: Den weitgehend erhaltenen neobarocken Bauten wurden anstatt von Giebeldächern strukturlose, schneeweiße und mit Aluminiumblechen gedeckte Kuben aufgesetzt. Um möglichst maximale Magazinflächen für das Museum zu erhalten, hat man die Sprengung der vorhandenen Proportionen in Kauf genommen. Die brachiale Gewalt, mit der vorhandene historische Bausubstanz wie Sandsteingesimse und -türeinfassungen einfach abgeschlagen und überall in den angrenzenden Gartenanlagen als Beetbegrenzungen zweckentfremdet wurden, schmerzt nicht nur, sondern erfüllt jeden einigermaßen ästhetisch gebildeten Menschen mit Zorn.
Von Peter Kulka zynisch als evolutionäre ‚Überformung‘ deklariert, bleibt der rücksichtslose Eingriff nichts anderes als eine grobschlächtige Simplifizierung einer den Architekten offensichtlich überfordernden historischen Fassadengestaltung. Er erinnert an den verbrecherischen Umgang der SED-Diktatur mit dem unerwünschten Erbe aus der Zeit vor ihrer Machtergreifung, reiht sich aber auf jeden Fall nahtlos ein in die bis in die 70er Jahre andauernde deutsche Entstuckungswelle – einem beispiellosen Amoklauf, in dem systematisch Dekorelemente an gründerzeitlichen Fassaden abgeschlagen wurden. Nach den Anfängen dieses ideologisch motivierten Irrwegs in den 20er Jahren waren auch die Nationalsozialisten von der ‚Entschandelung‘ hellauf begeistert, um so ihrer eigenen archaischen Formensprache Geltung zu verschaffen. Umso befremdlicher ist es, dass in der heutigen aufgeklärten Zeit immer noch an den Hochschulen der Nachkriegsjahre indoktrinierte Absolventen an ewig gestrigen Prinzipien festhalten, die vor allem in den beiden deutschen Diktaturen mit Inbrunst gepflegt wurden.
Bekanntlich sind solche Büros nur die Ausführenden, daher ist die Hauptschuld an diesem Debakel bei der einst ehrenwerten Senckenberg-Gesellschaft und dem tatenlosen Denkmalamt zu suchen. Vergleicht man dieses brutale Machwerk mit den ursprünglichen, mit bescheidenen Mitteln erfolgten, aber durchaus harmonischen Reparaturen nach 1945 oder gar mit dem prachtvollen Urzustand, so gibt es wohl im Frankfurt der letzten 40 Jahren keinen weiteren Fall eines historisch einzigartigen Ensembles, welches mit einem solchen Höchstmaß an Verachtung entstellt wurde. Die nach dem Krieg mit viel Fleiß wieder hergestellten Gauben und Fenster wurden ersatzlos entfernt. Eine aalglatte Industriefassade entstellt mit Schießscharten ähnlichen Lüftungsschlitzen das Jügelhaus.
Nur wenige Jahre nach Fertigstellung zeigen sich um den protzigen ‚Senckenberg‘-Schriftzug über dem physikalischen Verein bereits erste hässliche Grauschlieren an der Billigfassade. Das passiert, wenn man Wände wie bei einem Vorstadtreihenhaus verputzt und glaubt, man hätte die neue Erkenntnis gewonnen, in unseren feuchten Breitengraden auf über viele Jahrhunderte bewährte Dachüberstände verzichten zu können. Die ursprünglich harmonisch abschließenden und die Fassade schützenden oberen Kranzgesimse aus Mainsandstein wurden zu Gunsten einer Blechverschalung ersatzlos entfernt. Von Weitem erinnert das Ganze zusammen mit dem Schornstein eher an ein Heizkraftwerk als an eines der renommiertesten Naturkundemuseen Deutschlands.
Als Warnung sei schon mal voran geschickt, dass dieses Projekt noch nicht abgeschlossen ist. Der Museumsbau mit seiner noch im Originalzustand erhaltenen Fassade wurde bislang nicht angerührt, soll aber ebenso mit einem dreistelligen Millionenbetrag an Steuer- und Spendengeldern ‚optimiert‘ werden. Es ist das Schlimmste zu befürchten, wenn auch diesmal der Denkmalschutz seine Aufgaben nicht wahrnimmt. Vermutlich werden erst kommende Generationen das ganze epochale Ausmaß dieser architektonischen Bankrotterklärung wirklich begreifen.
Der Bahnhofsvorplatz mit dem Carlton Hotel, dem Schumann-Theater, dem Hotel d’Angleterre an der Kaiserstraße und dem Hotel Bristol gehörte einst zu den großartigsten wilhelminischen Ensembles in Deutschland. Nach Fertigstellung des neuen Hauptbahnhofs 1888 begann man mit der Errichtung des heutigen Bahnhofsviertels auf dem zuvor von den nicht mehr benötigten Westbahnhöfen freigelegten Feld bis zum Anlagenring. Fünf- bis sechsgeschossige Repräsentativbauten mit üppig dekorierten Fassaden und Ecktürmen waren der Standard. Davon hat erstaunlich viel die Bombennächte überstanden. Selbst ehemalige Wahrzeichen wie das Schumann-Theater und das Carlton wurden sogar erst 1961 bzw. 1976 (!) abgerissen.
Wie üblich wurden nach dem Krieg ausgebrannte Dächer notdürftig repariert. Auf den beiden noch intakten Gründerzeitlern links und rechts des Kaisersacks bilden diese Kästen leider bis heute nahezu unverändert den traurigen Abschluss. Der gesamte Aufbau mit Giebeln, Schieferdächern, Gauben, Giebeln und Türmen fehlt und bietet zusammen dem völlig zugestellten ehemals großstädtischen Vorplatz und den abschreckenden Auswüchsen der harten Drogenszene ein jämmerliches Entree zur Mainmetropole.
Beim berühmten Hotel Frankfurter Hof in der Innenstadt hat man sich immerhin etwas Mühe gegeben: Statt des steilen Mansarddaches mit durchgehenden großzügigen Gauben und dem Uhrtürmchen auf dem Mittelrisalit schmückt es seit der Nachkriegszeit ein rückversetzter Dachaufbau –im gleichen hellen Sandstein und mit einem vereinfachten Giebelabschluss des Mittelrisalits. Natürlich hätte man im Hinblick auf das internationale Renommee der Hotelgruppe in der Zwischenzeit durchaus auch hier den Urzustand wieder herstellen können.
Das frühere Volksbildungsheim, später ‚Theater am Turm‘, wurde zwischen 1998 und 2001 vollständig entkernt und zum ‚Metropolis‘, dem ersten Multiplexkino der Innenstadt umgebaut. Die denkmalgeschützte Fassade blieb stehen und der riesige Sandsteinbau erhielt wieder ein stattliches Mansarddach mit Giebeln und Gauben, welches sich am Vorkriegszustand orientiert. 1953 hatte man die damals noch vorhandenen, aufwendig dekorierten Giebel zusammen mit dem beschädigten, aber reparaturfähigen Dach wie so oft voreilig abgerissen und durch ein einfaches relativ flaches Walmdach ersetzt.
Einen wesentlich besseren Ersatz für ein verlorenes Dachensemble sehen wir in der Taunusanlage 21: Hier stand das neobarocke Hotel Fürstenhof-Imperial von 1907. An der Ecke zur Bockenheimer Landstraße wurde das wuchtige Bürogebäude vermutlich in den 90er Jahren mit einer vereinfachten Fassade immerhin wieder komplett hergestellt. Vor dem Krieg beherbergte es das mondäne Café Esplanade mit Blick auf die Alte Oper. Von den orientalischen Zwiebeltürmchen und dem mächtigen Steilgiebel über dem Mittelrisalit ist zwar nichts mehr zu sehen, aber stattdessen hat man ein gewölbtes steiles Kupferdach mit der gleichen Anzahl von Gauben und einem Bogengiebel geschaffen – eine akzeptable Lösung und eine würdige Einfassung für diesen einzigen weltstädtischen Platz, den Frankfurt noch zu bieten hat, wie ich finde.
Die Festhalle, zu ihrer Entstehungszeit größter Kuppelbau Europas, hat bis in die heutige Zeit alle nur erdenklichen Großveranstaltungen erlebt: Von Sechs-Tage-Rennen über Reit- und Fußballturniere, Marathonzieleinläufe, Messen bis hin zu regelmäßigen internationalen Rock- und Popkonzerten. Leider wurde auch dieses erhabene Bauwerk neben der Großmarkthalle von den Schergen des NS-Regimes zu einem zentralen Sammelort für misshandelte und entrechtete jüdische Bürger vor dem Abtransport in die Konzentrationslager umfunktioniert.
Nach den Zerstörungen der Luftangriffe blieben vom einstigen kaiserlichen Glanz nur Turmstümpfe übrig. Den wohl vorbildlichsten Beitrag zur Stadtreparatur in jüngerer Zeit leistete die Messegesellschaft mit der Wiederherstellung der wunderbaren Aufbauten aus Mainsandstein mit ihren vergoldeten Gittern an Frankfurts Gut’ Stubb. Ohne große öffentliche ideologische Diskussionen über ein für und wider wurden bis 2009 zum 100-jährigen Jubiläum der Halle die Rotunde und drei Ecktürme aus privaten Mitteln in den Originalzustand zurückversetzt.
Diese Aufstellung ist nur eine kleine Auswahl an unrühmlichen provisorischen Dauerzuständen bzw. mutwillig herbei geführten Zerstörungen vorhandener historischer Substanz und soll erweitert werden.
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