Das DomRömer-Projekt‘

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Blick vom Dom 1990 (vorne links Technisches Rathaus)

Es ist so weit: Ein Wunder wird wahr! Nach gut einem Jahrzehnt der hitzigen Diskussionen und Verwerfungen, des Abrisses und detailreichen Wiederaufbaus steht sie nun. Der spektakulären Neuplanung aus Rekonstruktionen und Neubauten mit 35 Häusern auf historischem Grundriss war der Abriss des Technischen Rathauses voraus gegangen. Die brutalistische Sichtbetonarchitektur als Aushängeschild der städtischen technischen Ämter hatte mit ihren maßlosen Dimensionen die Reste der kleinteiligen Altstadt bis zur Unkenntlichkeit dominiert. Im Jahre 1974 wurde das monströse Gebilde gegen den entschiedenen Widerstand der Frankfurter Bevölkerung im Anschluss an den U-Bahnbau unter dem Römerberg über den Grundrissen der zentralen Altstadt zusammen mit einer Tiefgarage errichtet. Dafür mussten entlang der Braubachstraße fünf zum Teil intakte historische Gebäude aus dem 16. bis 20. Jahrhundert fallen. Bereits beim Bau der U-Bahnstation Römer hatte der damalige ignorante Magistrat im Zuge des allgemeinen Erneuerungswahns auf archäologische Belange keine Rücksicht genommen. Frühester Frankfurter Siedlungsboden wurde einfach weggebaggert und somit für die Forschung für immer vernichtet.

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Goldene Waage

Angesichts solcher Frevel empfinden viele die jetzige Neugestaltung nicht nur als Reparatur kriegsbedingter Schäden sondern als Wiedergutmachung für den respektlosen Umgang mit dem überschaubaren Häufchen von historischer Substanz, welches Frankfurt geblieben war. Es ist dem nimmermüden Einsatz von Initiativen wie den Freunden Frankfurts http://www.freunde-frankfurts.de/ zu verdanken, dass es überhaupt zum entscheidenden Beschluss der Stadtverordnetenversammlung kam. Unter den neu erbauten Häusern befinden sich 15 zumindest äußerlich originalgetreue Nachbauten. 20 weitere Gebäude sind Neuinterpretationen in zum Teil sehr unterschiedlicher Qualität.

Das herausragende Objekt, auch wenn es ein wenig im Schatten des neuen Stadthauses verschwindet, ist dabei die „Goldene Waage“, das wohl prächtigste Renaissance-Fachwerkhaus und eine der Hauptsehenswürdigkeiten des alten Frankfurt. Das Original von 1619 wurde vom wohlhabenden niederländischen Gewürzhändler Abraham von Hameln, einem der über 100.000 vertriebenen Reformierten, errichtet. Beim Wiederaufbau entstand nicht zuletzt mit Hilfe der eindrucksvollen Zimmermannskunst eines westfälischen Spezialisten eine in dieser Qualität einmalige Rekonstruktion: Das Untergeschoss besteht aus reichhaltig ornamentierten Sandsteinarkaden, deren Schlussstein jeweils ein Löwenkopf ziert. Diese und andere erhaltene Spolien des Originalbaus wurden vom ehemaligen Intendanten des Hessischen Rundfunks Eberhard Beckmann nach dem Krieg in seinem Skulpturengarten in Dreieich aufgestellt und jetzt dem Wiederaufbau in der Altstadt großzügig zur Verfügung gestellt. Die Bogenfenster sind mit filigranem Schmiedeeisen vergittert – teilweise Originale aus den Beständen des historischen Museums. Über der Erdgeschosshalle erheben sich zwei vollwertige, auf acht Säulen ruhende Fachwerkgeschosse aus jahrhundertealten kunstvoll verzierten Eichenbalken, welche aus Abrissgebäuden gesammelt und wieder aufbereitet wurden. Den Abschluss des Hauptgebäudes bildet das schiefergedeckte charakteristische Satteldach mit rheinischem Wellengiebel und Zwerchhaus.

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Goldene Waage mit Belvederchen

Die Krönung von allem verbirgt sich auf dem Hinterhaus: Das berühmte Belvederchen, ein privater Dachgarten mit eigenem Zierbrunnen, einer Bergkristallgrotte und überdachter Laube, zu erreichen über eine sandsteinerner Wendeltreppe. Von hier aus hatte man früher alle Türme der näheren Umgebung im Blick: Dom, St. Nikolai, St. Leonhard und Paulskirche.

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Stadthaus

Um das benachbarte Stadthaus – ein Neubau für Veranstaltungszwecke – tobte lange Zeit ein erbitterter Streit. Der ehemals freiliegende archäologische Garten mit seinen Relikten aus römischer und merowingischer Zeit und der karolingischen Königspfalz wurde schließlich überbaut, bleibt aber weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich. Eine Initiative sorgte sich um das „Dom-Panorama“, den freien Blick vom Römerberg auf die Krönungskirche, welcher jedoch zu historischen Zeiten an dieser Stelle nie bestand, sondern erst durch die Kriegszerstörungen und die Anlage des Gartens Anfang der 70er Jahre möglich wurde. Darüber ‚schwebt‘ nun wortwörtlich der große Saal des Stadthauses mit seinem goldenen Dach: Er wurde in eine tollkühne Hängekonstruktion verankert, um den archäologischen Garten nicht mit Stützen zu verschandeln.

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Hühnermarkt - Schlegel, Eichhorn und Goldene Schere

Ein weiterer Höhepunkt dieses Großprojektes der Stadtreparatur ist die Wiederherstellung des historischen Hühnermarktes, eines kleinen idyllischen Altstadtplätzchens, in dessen Mitte seit 1895 der Stoltze-Brunnen stand. Nach den Kriegszerstörungen verweilte dieses Schmuckstück bis 2016 auf dem gleichnamigen Platz hinter der Katharinenkirche und darf nun im Schatten prächtiger Nachbauten wie des ‚Schlegel‘, der ‚Goldenen Schere‘ oder dem ‚Esslinger‘ als eines der wenigen erhaltenen Überbleibsel in die Altstadt zurück. An der Südwestecke des Platzes erhebt sich das ‚Rote Haus‘, das einzige komplett aus einem Fachwerkkern errichtete Gebäude der Rekonstruktionen. In der offenen, von mächtigen Eichenholzpfählen getragenen Halle betrieben Altstadtmetzger bis zum 2. Weltkrieg Verkaufsstände, sogenannte Schirnen. Die Südostseite wird von der ‚Grünen Linde‘ dominiert, einem barocken Gasthaus mit einem hohen, vollständig verglasten Erdgeschoss und auffälligen Konsolsteinen.

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Zu den drei Römern

An anderer Stelle hat man originale Spolien integriert, so zum Beispiel das erhaltene Erdgeschoss aus einem historischen Gebäude der Saalgasse im Neubau Markt 40 (‚Zu den drei Römern‘) am Beginn des Krönungswegs. Das Haus mit moderner Fassade greift darüber hinaus auch mit seinem Spitzgiebel, den Auskragungen und traditionellem Sandstein als Werkstoff auf gelungene Weise Elemente der Altstadt auf.

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Goldenes Lämmchen

Durch den Bauzaun am Kunstverein kann man eine Ecke der bereits fertig gestellten Fassade des ‚Goldenen Lämmchens‘ mit einer leeren Statuennische und Baldachin entdecken – was da wohl reinkommt? Dieser ehemalige Patriziersitz und Messehof hat außerdem einen eigenen Innenhof mit einem weiteren Glanzstück der Zimmermannskunst: Der Holzlaubengang wurde aus Balken des 16. und 17. Jahrhunderts originalgetreu rekonstruiert.

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Nordseite Krönungsweg - Markt 30, ‚Würzgarten‘ und ‚Schlegel‘

Keine Glanzstücke, um es vorsichtig zu formulieren, sind leider einige der Neubauten des nördlichen Krönungswegs: Nach dem bereits erwähnten vielversprechenden Auftakt am Eingang zum ‚Markt‘ (‚Zu den drei Römern‘) schließen sich drei weitere Neubauten mit modernen, aber kleinteiligen Fassaden an. Was danach kommt macht dann eher sprachlos: Der völlig schmucklose einfarbige Verputz, die viel zu großen Fenster auf nahezu strukturlosen Fronten von Markt 32 und 30 stehen im krassen Kontrast zu den handwerklich herausragenden benachbarten Häusern ‚Würzgarten‘ und ‚Schlegel‘ mit ihren vielen Details. Selbst die Dachüberstände haben die Architekten weggelassen, was in den kommenden Jahren in Folge unserer Witterung auf dem Verputz noch Spuren hinterlassen wird.

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Markt 14, 12 und 10 - Neues Paradies, Vorderer Schildknecht, Schönau

Zum Glück erreichen die Neuinterpretationen hinter dem Hühnermarkt ein höheres Niveau: ‚Neues Paradies‘ und ‚Schönau‘ nehmen mit ihren voll verschieferten Fassaden ein klassisches Erscheinungsbild Frankfurter Fachwerkhäuser wieder auf und am Ende lässt der ‚Große Rebstock‘ den U-Bahnabgang hinter kunstvoll vergitterten romanischen Bögen verschwinden.

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‚Großer Rebstock‘ - U-Bahnabgang im Erdgeschoss (Südwestansicht)

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Braubachstraße 27

Die neue Gebäudefront zur Braubachstraße übernimmt die historisierenden Fassaden der Vorgängerbauten aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, als mit dem Durchbruch quer durch die Altstadt über 100 mittelalterliche Häuser geopfert wurden. 1970 wurde an dieser Stelle für den Bau des Technischen Rathauses wie bereits Eingangs erwähnt ein Teil dieser Neubebauung niedergelegt.

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Braubachstraße 31 - Zum Glauburger Hof
(Betonfassade)

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Rebstockhof - Zwerchhaus mit Laubengängen (Nordostansicht)

Links neben der Sandsteinfassade der modernen Braubachstraße 23 erkennt man eine rekonstruierte Brandmauer aus Bruchstein, welche die ursprünglich als Fensterfront geplante Nordseite des Nachbaus aus dem 17. und 18. Jahrhundert zur Straße hin abschließt. Vor kurzem hat man an der Ecke die im Originalzustand erhaltene Figur eines Winzers aus dem Jahre 1939 als Spolie verbaut. Sie verweist auf den sich im hinteren Teil anschließenden Rebstockhof, eine barocke Messeherberge mit charakteristischen Holzgalerien, Zwerchhaus und zahlreichen Giebeln. Der Neubau mit der eigenwilligen Sandsteinfassade und der Hausnummer 23 hat immerhin ein Frankfurter Original in die Ecke integriert: Den Schobbepetzer mit dem Bembel in der Hand.

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Der Schobbepetzer
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Braubachstraße 21 - Winzerspolie mit
Brandmauer

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Die neue Altstadt

Einen wirklich überwältigenden Eindruck erhält man von der Besucherplattform des Doms: Dort wo noch vor wenigen Jahren die trostlosen Flachdächer des Technischen Rathauses und der nüchterne, nahezu fensterlose Erweiterungsbau des historischen Museums jegliche Vorstellung von einem urbanen städtischen Zentrum zu Nichte machten, breitet sich heute eine wohltuende Landschaft aus handwerklich hochwertigen Schiefersatteldächern, Spitzgiebeln, Türmchen und unzähligen Gauben aus. Der Wiederaufbau eines solch aufwendigen Ensembles dürfte in der deutschen Nachkriegsarchitektur bislang einzigartig sein.

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Neues historisches Museum - Eingangsgebäude

Der Abriss und Neubau des Museums war ein weiterer Mosaikstein im Großprojekt Dom-Römer. Während der Ausschachtarbeiten für die Kellerbereiche stieß man auf Überreste einer Hafenanlage, welche nun in der Ausstellung präsentiert werden. Die beiden neuen Gebäudetrakte erscheinen zwar verhältnismäßig voluminös, fügen sich aber mit ihren modernen Sandsteinfassaden und Satteldächern recht ordentlich in den Altstadtkern ein – kein Vergleich zum vorhergehenden Sichtbetonmonster. Das nördlich gelegene Ausstellungsgebäude lädt an seiner Südseite mit einer Skulpturengalerie und Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Die andere Seite Richtung Römerberg wurde mit Spolien und Schmucksteinen dekoriert. Zum Eingangsgebäude hin eröffnet sich großzügig ein neuer Platz mit Durchgang bis zur Saalhofkapelle.

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Krönungsweg mit Rotem Haus und Pergola

Ein Problembereich der neuen Altstadt ist der Übergang zwischen dem Krönungsweg und der vorhandenen Kulturschirn. Das unterschiedliche Bodenniveau und der postmoderne Stil des Ausstellungsgebäudes machten eine bauliche Trennung erforderlich, was die Planer anhand einer steinernen Pergola versucht haben zu lösen. An diesem Gebilde scheiden sich die Geister: Zwar haben die Architekten mit dem Mainsandstein den traditionellen Baustoff der Altstadt gewählt, jedoch gefallen die Dimensionen und der Stil nicht jedem: An ihrer Stelle sollte eigentlich die Südzeile des Krönungswegs stehen, was sich aber aufgrund der vorhandenen Kunsthalle nicht realisieren ließ.

Die Diskussion um das Pro und Contra eines Wiederaufbaus war und ist, wie überall in Deutschland, nach wie vor ideologisch aufgeladen. Während die Fraktion der Befürworter lediglich die Wiederherstellung einer mit den Bombennächten und der Nachkriegszeit verlorenen architektonischen Schönheit und Urbanität im Sinn hat, glauben die Gegner der Rekonstruktion, man müsse an dieser Stelle bis in alle Ewigkeiten sichtbare Wunden als Mahnmal für Deutschlands Angriffskrieg erhalten. Wiederaufbaubefürworter werden gerne als ewiggestrig charakterisiert: Zum einen, weil sie sich der Nachkriegsmoderne und ihrem völligen Verzicht auf Kunst und Ästhetik an so exponierter Stelle verweigern und stattdessen auf identitätsstiftende klassische Gestaltungselemente zurückgreifen wollen und den respektlosen Umgang mit historischer Bausubstanz nicht einfach kritiklos akzeptieren. Zum anderen, weil sie die Zerstörung der Altstadt nicht als irreparabel, endgültig und gerecht hinnehmen und sich somit generell verdächtig machen.

Eine Erklärung, welchen ideologischen Bezug Fachwerkhäuser der Renaissance, gotische Gewölbe oder Denkmäler für Mundartdichter zur NS-Zeit haben sollen, bleiben die Modernisten bis heute schuldig. Es ist die Fortsetzung des Erneuerungswahns der Nachkriegsjahrzehnte, in denen man glaubte, die Nazidiktatur durch einen generellen Bruch mit der Vergangenheit bewältigen zu können und kulturelles Erbe gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung radikal aus dem Stadtbild tilgte, als hätte es eine Zeit vor dem Naziterror nie gegeben. Ebenso stellt sich die Frage, woher man das Recht nimmt, unbelasteten Generationen eine lebendige Altstadt vorzuenthalten und es stattdessen Architekten gestattet, das Zentrum der Stadt mit leblosen, den menschlichen Bedürfnissen entrückten industriellen Zweckbauten zu verschandeln. Es gibt sicherlich geeignetere Wege der Erinnerung.

Eine Gedenktafel für die Frankfurter Bombenopfer und Gefallenen des Zweiten Weltkriegs gab es bereits vor dem Technischen Rathaus. Sie existiert noch und sie soll, ergänzt um eine angemessene Einordnung der Kriegsverluste in den geschichtlichen Kontext der deutschen Schuld, wieder in das Pflaster auf dem Domplatz eingelassen werden. Vielleicht versöhnt diese Maßnahme die Fronten ein wenig.

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